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Kurzinfo
 Moloch
von Paul di Filippo, China Miéville, Michael Moorcock, Geoff Ryman
ISBN: 3404232801






25. Januar 2006

Klaus N. Frick empfiehlt:
Novellen zu Städten und Menschen

 
Es gilt als eine Binsenweisheit in der Verlagsbranche, dass sich Sammlungen kürzerer Texte generell schlecht verkaufen. Viele Leser fühlen sich davon überfordert, in jedem Text ein neues Universum kennenzulernen, und lesen lieber dickleibige Romane oder gleich ganze Serien. Durchaus nachvollziehbar - aber für Leser, die gerne in Novellen oder Kurzgeschichten schmökern, nicht erfreulich.

Umso besser, dass im Bastei-Verlag das Taschenbuch »Moloch« erschienen ist, das vier sehr unterschiedliche Novellen zusammen fasst. Herausgegeben wurde es von dem britischen Publizisten Peter Crowther, der es im Jahr 2003 unter dem Titel »Cities« verlegte - als Teil einer Reihe von Novellen-Sammelbänden.

Sowohl der deutsche als auch der englische Titel für den Band entsprechen dem Inhalt: Viermal geht es um Städte in der nahen Zukunft oder in einer fantastischen Welt, wobei eigentlich nur einmal eine Stadt im Zentrum steht. Genausogut hätte man einen anderen Titel wählen können - schließlich legen die Autoren ihr Augenmerk auf Menschen und ihre Schicksale und nur am Rande auf die Städte, in der sich das Geschehen abspielt.

Paul de Filippos Geschichte »Ein Jahr in der linearen Stadt« (übersetzt von Ralph Sander) erfüllt am ehesten den Anspruch, den der Leser aus dem Buchtitel ableiten könnte. Es ist die Geschichte einer endlosen Stadt, unzählige Blocks nach amerikanischem System entlang einer offensichtlich unendlichen Straße, parallel dazu ein Fluss und eine Bahnlinie, darunter die Stadtbestie, ein offensichtlich lebendes Etwas, auf dem die Stadt errichtet wurde. Darüber schweben seltsame Wesen, die man als »Bullen« und »Fischerinnen« bezeichnet und die die Seelen der Verstorbenen mit sich nehmen.

Auch wenn der Autor das Schicksal einiger Stadtbewohner schildert, ist sein eigentlicher Held doch tatsächlich diese unvorstellbar große Siedlung, dieses bis in die Unendlichkeit reichende Konglomerat aus Häusern, um das sich unglaubliche Geheimnisse ranken. Paul de Filippo erzählt sprachlich dicht seine faszinierende Geschichte, die auch am Ende genügend Fragen offen lässt - in meinen Augen die beste Science-Fiction-Novelle seit Jahren und der eindrucksvollste Text in dieser Zusammenstellung.

Als Senkrechtstarter der letzten zwei Jahre darf China Miéville in einer solchen Anthologie natürlich nicht fehlen. Seine Novelle »Spiegelhaut« (übersetzt von Eva Bauche-Eppers) schildert einen unheimlichen Krieg, der das London der Zukunft erschüttert: Vampire, die offensichtlich aus einer Spiegelwelt kommen, kämpfen gegen die Menschen. Die Novelle ist sprachlich auf hohem Niveau verfasst, bleibt auch durchgehend unterhaltsam, hinterlässt aber einen seltsamen Nachgeschmack: Zu vieles bleibt unklar, zu verwaschen wirken die Eindrücke vor allem gegen Ende.

Keine Stadt setzt Michael Moorcock in seiner Novelle »Firing The Cathedral« (übersetzt von Michael Kubiak) ins Zentrum, sondern einmal wieder seinen Helden Jerry Cornelius, über den er vor allem in den 60er Jahren eine Reihe von Geschichten und Romanen geschrieben hat. Neben Cornelius spielen andere Moorcock-Figuren eine Rolle; dabei nimmt der Autor immer wieder auf die reale Welt Bezug, in dem er etwa Zitate von George W. Bush, anderen Politikern oder Wirtschaftsfachleuten einarbeitet.

Es entsteht das Bild einer klassischen Jerry-Cornelius-Novelle, die - wie so oft - zwischen Niedergang und Aufschwung pendelt. Geschildert wird die Entwicklung einer Welt, die aus den Fugen gerät. Komplett ist die Geschichte nur für Moorcock-Freunde verständlich; für Menschen, die politisch interessiert sind und die ein intellektuelles Vergnügen an vielen Anspielungen haben, kann sie darüber hinaus ein unterhaltsames Stück Literatur sein.

Eine originelle, satirische Kriminal-Idee in einem sehr nahe gelegenen Science-Fiction-Umfeld setzt Geoff Ryman in seiner Novelle »SAS« um (übersetzt von Winfried Czech). In diesem Fall steht die Abkürzung für »Senile Alte Straftäter« - und ebendiese Straftäter sind in einer nahen Zukunft ein echtes Problem. Die im Jahr 2006 zwischen 30 und 40 Jahre alten Menschen verbringen in dieser Zukunft ihr restliches Leben in Altersheimen, in die sie quasi eingesperrt sind, abhängig von den Almosen der - dann! - jungen Leute und gepflegt von schlecht gelaunten Helfern aus der Dritten Welt.

Die »SAS« sind mit einem solchen Leben selbstverständlich nicht einverstanden und beginnen mit ihrer eigenen Art von Umverteilung - allerdings nicht immer auf die freundliche Art, sondern mit durchaus rabiaten Methoden ... Als er davon erfährt, stellt sich dem Helden der Geschichte, einem ehemaligen Computer-Spezialisten, der seine spärliche Rente durch verschiedene Hacker-Angriffe aufbessert, die entscheidende Frage: Hat seine Vergangenheit etwas mit den Überfällen der »SAS« zu tun?

Ein sehr gutes Buch, es gibt keinen einzigen Ausfall. Zugegeben: Die 431 Seiten lesen sich nicht so schnell, weil man sich als Leser jedesmal auf eine neue Geschichte einstellen muss. Man wird durch Originalität belohnt - und dafür sind die acht Euro auf jeden Fall gut investiert. Man kann übrigens davon ausgehen, dass der Bastei-Verlag an einem solchen Titel nichts verdient - das ist nun wirklich kein Thema für Zehntausende von Lesern -, und deshalb ist es umso wichtiger, dass solche ambitionierten Geschichtensammlungen überhaupt noch erscheinen.

 Klaus N. Frick