1. März 2006
Andreas Eschbach ist ein erfolgreicher Unterhaltungsschriftsteller, dessen Bücher nicht nur hierzulande in schöner Regelmäßigkeit zu Bestsellern werden. Er ist zudem ein Autor, der geschickt mit den Erwartungen seiner Leser spielt. Bei keinem Roman ist ihm dies bislang so gut gelungen wie mit »Der Nobelpreis«, dem Spitzentitel des
Verlagshauses Lübbe im Herbst 2005. Die überraschenden Wendungen des Buches haben manche Leser richtiggehend verärgert, so sehr, dass
Andreas Eschbach mir gegenüber gestand: »So was darf ich echt nicht mehr tun.«
Schade eigentlich, denn gerade die Überraschungen machen das Salz in der »Nobelpreis«-Suppe aus. Es beginnt wie ein konventioneller spannender Thriller: Die Tochter eines angesehenen Professors wird entführt. Nur wenn Hans-Olof Andersson, ein Mitglied des Nobelpreis-Komitees, für eine ganz bestimmte Kandidatin stimmt, darf seine Tochter weiterleben.
In seiner Not wendet sich Andersson, der nach einiger Zeit erkennt, dass sich eine unglaubliche Verschwörung um den Nobelpreis rankt, an den einzigen Menschen, von dem er glaubt, dass er ihm weiterhelfen kann: an seinen Schwager Gunnar Forsberg. Dieser ist im Gegensatz zu dem etwas weltfremden Professor ein Verbrecher, ein geübter Einbrecher seit vielen Jahren, dem zuzutrauen ist, dass er die entführte Kristina befreit. Forsberg beginnt mit seiner Arbeit, erkundet Institutionen, spioniert Menschen aus, bricht ein und wendet alle Tricks an, die er im Verlauf seiner Verbrecher-Karriere erlernt hat.
Und er findet heraus, dass er einem Betrug auf der Spur ist, mit dem er selbst nicht gerechnet hat, der ihn sogar sehr persönlich betrifft. Forsbergs Suche nach den Entführern seiner Nichte wird auch zu einem Erforschen seiner eigenen Vergangenheit; Stück für Stück enthüllt sich die Geschichte des Einbrechers, werden seine Lügen und Betrügereien wieder lebendig.
Andreas Eschbach lässt seine Figuren nicht ungeschoren. Viele Gegebenheiten, die am Anfang des Romans noch so klar und eindeutig erschienen, verschieben sich im Verlauf der Geschehnisse. Der Blick des Lesers verändert sich gleich mehrfach, ohne dass der Autor hier Zufälle bemühen müsste; alles ist stimmig und in sich logisch. Leser, die es aber schätzen, dass von Anfang bis Ende keine größeren Überraschungen auftauchen und dass alles so abzulaufen hat, wie sie es von vielen anderen Thrillern kennen, könnten hier tatsächlich verwirrt werden.
Dabei ist das Buch in keiner Phase kompliziert geschrieben oder gar umständlich angelegt. Der Autor bleibt seiner Linie treu, dem Leser eine klare Geschichte zu servieren, die ihn von der ersten Seite an in ihren Bann zieht. Bereits der erste verblüffende Knaller - der an dieser Stelle hier natürlich nicht verraten werden soll - macht aber klar, dass dieses Buch »anders« ist als ein herkömmlicher Thriller.
Möglicherweise erweist sich
Andreas Eschbach hier doch wieder als ein Science-Fiction-Autor, auch wenn er das Genre mit »Der Nobelpreis« verlassen hat: In weiten Teilen ist das Buch nämlich eine »Was wäre wenn«-Geschichte, keine Geschichte, in der ein möglichst finsterer Mörder gesucht und gestellt werden muss.
Wer mit der Lektüre beginnt, sollte sich als Leser im voraus klar sein: Ihn erwarten ein spannendes Geschehen und einige echte Überraschungen, keine eindimensionale und eingleisige Thriller-Handlung. Und das ist so gut gelungen, dass zumindest ich das Buch vor dem Ende kaum aus der Hand legen konnte ...
Eine echte Empfehlung für Freunde intelligenter Spannungsliteratur!
Klaus N. Frick