8. März 2006
In einem fiktiven Amerika, rund 30 Jahre von unserer heutigen Zeit entfernt: Flüge zum Mars sind kein Problem, dazu benutzen die Menschen kleine Raketen, die einfach in speziellen Geschäften gekauft werden. Die Psychiatrie ist verboten, nur ein einziger Therapeut darf noch Menschen behandeln. Seit siebzig Jahren regiert eine jugendlich wirkende First Lady im Weißen Haus, an deren Seite immer wieder neue Präsidenten auftreten. Und es gibt künstliche Wesen, so genannte Simulacra, die in allen nur erdenklichen Bereichen eingesetzt werden - bei der Kolonisation des Mars oder auch in der Politik.
Soweit in groben Zügen das Bild der Zukunft, wie es Philip K. Dick in seinem Roman »Simulacra« skizziert. Der Roman erschien 1964, und in Deutschland kam er erstmals vor gut einem Vierteljahrhundert in einer Übersetzung von
Uwe Anton auf den Markt. Dieser Tage legte der
Heyne-Verlag »Simulacra« erneut auf, in der schönen Philip-K.-Dick-Reihe, mit der Heyne-Lektor Sascha Mamczak den Autor so präsentieren möchte, wie es ihm gebührt: nicht als Genre-Schreiber allein, sondern als bedeutenden Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts, der auch außerhalb der Science Fiction seine Anerkennung finden sollte.
Die Ideen, die Dick in seinem Roman verarbeitet, sind kaum zählbar; teilweise waren sie in der Zeit, in der sein Roman erschien, schon Standards der Science Fiction, teilweise aber setzte er sie in origineller Weise andersartig um: So gibt es - ganz nebenbei - grundsätzliche Überlegungen zu einer weiteren Evolution der Menschheit (zurück zum Neandertaler allerdings), während gleichzeitig Lebewesen von Mars und Ganymed als technische Hilfsmittel eingesetzt werden. Das ist einerseits ganz schön versponnen, vor allem unter aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen, zeigt aber, daß für Dick die Ideen häufig ein Mittel zum Zweck waren, zur Darstellung einer faszinierenden Welt. Daß Science Fiction eben nicht, wie viele Leser glauben, eine Art seriöser Ausblick in die Zukunft ist, sondern vielmehr der Versuch, menschliche Probleme in eine fiktive Umwelt zu verlegen.
Herausragend sind im vorliegenden Roman deshalb die von-Lessinger-Maschinen. Dabei handelt es sich prinzipiell um Zeitmaschinen, mit denen nicht nur der Geheimdienst der Amerikaner, sondern auch der Anführer einer obskuren Neonazi-Gruppierung kreuz und quer durch die Zeit reisen, mal den Reichsminister Hermann Göring aus der Vergangenheit holen oder zwischendurch für Sekunden bei Besprechungen auftauchen. Die korrekte Abfolge von Raum und Zeit wird außer Kraft gesetzt, es herrscht starke Verwirrung.
Von dieser Verwirrung werden auch die Figuren des Romans erfasst, die letztlich am wichtigsten sind. Dick steuert sie vordergründig mit leichter Hand durch die Handlung, gestaltet sie aber sehr komplex: Sowohl die seit siebzig Jahren regierende First Lady als auch der unbedeutende Bewohner eines großen Mehrfamilienhauses werden sauber und glaubhaft charakterisiert.
Die vielen Erzählperspektiven, die der Autor aufbietet, verlangen dem Leser eine hohe Aufmerksamkeit ab, wenngleich der Stil schlicht bleibt. Das alles gibt im Gesamtbild einen Roman, dessen Struktur auf den ersten Blick verwirrend erscheint, dessen Faszination aber im Verlauf der Lektüre wächst.
»Simulacra« ist ein typischer Roman des amerikanischen Schriftstellers Philip K. Dick, und wer mit Dick Büchern stets seine Schwierigkeiten hatte, wird auch bei der Lektüre des vorliegenden Romans seine Probleme bekommen. Dabei ist der Roman extrem leicht geschrieben, praktisch ohne schwierige Fachbegriffe und ohne stilistische Experimente, die eine Lektüre künstlich erschweren könnten. Das sachkundige Nachwort des amerikanischen SF-Autors Norman Spinrad setzt den Roman und seine Realitätssicht in Zusammenhang mit aktueller Politik und Dicks grundsätzlichen Überlegungen zum Kern des Mensch-Seins.
Ich möchte »Simulacra« deshalb vor allem jenen empfehlen, die schon einmal einen Dick-Roman gelesen haben. Wer noch nichts von dem Autor »erschnuppert« hat, möge mit
»Eine andere Welt« beginnen und sich erst dann zu »Simulacra« und anderen Werken vortasten.
Klaus N. Frick