21. März 2006
Am Ende des Jahres 1886 ist die von düsteren Nebeln durchzogene schottische Hauptstadt Edinburgh ein geradezu apokalyptisch anmutender Ort. In den Straßen der Stadt wird ein fürchterlicher Mord verübt: Ein alter Mann wird nach Zeugenaussagen »wie von einer Bestie« zerfetzt, ohne daß die schreckliche Tat wirklich gesehen werden konnte. Kurz darauf wird die Leiche eines seit vielen Jahren verstorbenen Offiziers ausgegraben und von einem monströsen Täter geschändet - in der Folge geraten die Einwohner der Stadt in Panik.
Neben der Stadtpolizei unter Führung eines ehrgeizigen Inspektors nimmt noch ein seltsames Duo aus eigenem Interesse die Ermittlungen auf: ein konservativer Professor für Logik und Metaphysik sowie ein eher schlichter Friedhofswärter, der viele Bücher über absonderliche Themen gelesen hat.
Recht schnell finden beide Ermittlergruppen unabhängig voneinander heraus, daß die Morde in Zusammenhang mit einer jungen Frau stehen: Diese glaubt, dass in ihr eine »schreckliche Hölle« lebe und sie für alles verantwortlich sei ...
Der flott erzählte Roman fordert die Aufmerksamkeit des Lesers in den Details, ansonsten gibt es keinerlei Problem damit, der Handlung zu folgen. Der Autor treibt in schnellen Schnitten seine Handlung voran, lässt dabei das Edinburgh des ausgehenden 19. Jahrhunderts lebendig werden. Und was sich anfangs wie die Geschichte eines Serienmörders und die Jagd der Detektive und Polizisten auf ihn liest, entwickelt sich zu einer großen Fahrt durch Philosophie und Religion, durch Freudsche Fantasien und klassische Vorstellungen von der Hölle ...
Der 1964 geborene Anthony O’Neill, über den bislang nicht viel mehr zu erfahren war, als dass er in Melbourne lebt und schreibt, legt mit diesem Werk eine packende Mischung aus historischem Roman und Krimi, aus Horror und allgemeiner Phantastik vor. Ich habe das Buch mit wachsender Faszination gelesen und konnte es gegen Ende nicht mehr aus der Hand legen.
Dabei ist es kein schlichter Action- oder Unterhaltungsroman, sondern ein Roman, der mit Mythen und religiösen Ebenen spielt, der letztlich auch die Frage nach der Natur des »Bösen« schlechthin stellt. Ein phantastischer Roman - und das in mehrfacher Hinsicht.
Klaus N. Frick