28. März 2006
Es ist schon eine Weile her:
Leo Lukas und ich telefonierten über einen aktuellen Roman, wir unterhielten uns über diverse andere PERRY RHODAN-Themen, und wie das so ist, kamen wir auch auf private Dinge zu sprechen.
»Ich überlege mir, in Botswana einen Urlaub zu verbringen«, sagte
Leo Lukas. »Du warst da schon mal, wie es es denn da so?«
Ich erzählte ein wenig von Botswana, dem recht unbekannten Land im Süden Afrikas. Es sei groß und menschenleer und zudem eine der wenigen echten Demokratien auf dem Kontinent; die Menschen seien meist extrem freundlich und fröhlich; die Wirtschaft floriere dank Diamantenhandel, Landwirtschaft und ökologisch korrektem Touristmus. Es gäbe zwar auch einige negative Dinge, unter anderem die Behandlung der sogenannten Buschleute in der Kalahari, aber insgesamt könne ich das Land nur empfehlen.
Leo Lukas eröffnete mir, dass eine gewisse Mma Ramotswe daran schuld sein, dass er sich für Botswana interessiere. Die Dame sei Detektivin in Gaborone, der Hauptstadt des Landes, und er lese gerne die Bücher über ihre Fälle - und das habe ihn so fasziniert, dass er unbedingt einmal nach Botswana reisen müsse. Wir plauderten ein wenig weiter, und damit war das Thema erst einmal erledigt.
Der Wiener Kollege ist, soweit ich weiß, bislang nicht nach Botswana gereist. Ich aber bin seinem Hinweis gefolgt und habe zwei Romane gelesen, in denen Mma Ramotswe die Hauptrolle spielt. Um diese geht es in diesem Logbuch.
Letztes Jahr bereits erschien der Roman »Keine Konkurrenz für Mma Ramotswe« als gebundene Ausgabe im Ehrenwirth-Verlag. In diesem Buch hat Mma Ramotswe - das »Mma« steht in Setswana, der Landessprache in Botswana, schlicht für »Frau« als höfliche und ehrerbietende Anredeform - ihre Detektiv-Agentur bereits seit einiger Zeit eröffnet. Die beleibte und gemütliche Dame ermittelt fleißig und kümmert sich um die kleinen Probleme, die es unter den bescheidenen Menschen von Botswana gibt.
Doch dann macht ein ehemaliger Polizist, der angeblich im südafrikanischen Johannesburg und im amerikanischen New York schon gearbeitet hat, in derselben Stadt eine eigene Agentur auf, kämpft mit unlauteren Mitteln gegen die Agentin und ihre Assistentin. Die beiden Damen wehren sich mit den Mitteln der Intelligenz und der Höflichkeit - und ganz nebenbei gründet die Hilfsdetektivin Mma Makutsi eine Schreibmaschinenschule für Männer.
Ein wunderbarer Roman! Ich war begeistert. Auf 252 Seiten breitet der Autor ein herrliches Bild aus, das Botswana so darstellt, wie ich es vergleichbar empfunden habe. Nach den vorliegenden Informationen kennt er sich auch wirklich gut aus: Alexander McCall Smith verbrachte seine Kindheit im Nachbarland Simbabwe und arbeitete lange Jahre in Botswana Kein Wunder, dass seine Beschreibungen stimmen, dass er in seinen Geschichten die manchmal langsame Lebensart der Menschen in Botswana gut einfängt und sie mit zahlreichen »Nebenhandlungen« auffüllt.
Erfreulicherweise ist unlängst auch der erste Fall als Taschenbuch bei Bastei-Lübbe nachgedruckt worden. »Ein Krokodil für Mma Ramotswe« schildert gewissermaßen die Vorgeschichte und damit das Leben der erfolgreichen Detektivin. In ihrem Vater hat die Detektivin ein Vorbild fürs Leben: ein Mann vom Land, voller Güte und Lebensweisheit. Doch leider rutscht sie als junge Frau in eine Reihe von Schwierigkeiten hinein, durchleidet eine fürchterliche Ehe - und erst danach ist sie bereit, das Leben zu führen, das sie sich selbst erträumt. Sie eröffnet ihre Detektei, die erste in Botswana überhaupt und vor allem ein Büro, das von einer Frau geführt wird.
Meist kümmert sie sich um kleine Fälle: Frauen, deren Männer verschwunden sind, oder Fälle von angeblicher Magie. Mma Ramotswe emanzipiert sich aber, und das in einem Land, das bei aller Demokratisierung immer noch stark von ländlich-partriarchalischen Strukturen geprägt ist.
»Ein Krokodil für Mma Ramotswe« ist weniger ein Krimi als ein Entwicklungsroman. Die 240 Seiten dieses ersten Buches lesen sich trotz des Schicksals der Heldin unglaublich leicht: In plauderndem Ton stellt der Autor seine Haupt- und Nebenfiguren vor, mit viel Sympathie führt er sie durch die Wirren des Lebens in einem aufblühenden Entwicklungsland.
Eigentlich ist aber nicht Mma Ramotswe die Hauptperson der zwei Romane. Vielmehr ist es das Land Botswana mit seinen vielfältigen Menschen, dazu die aufstrebende Stadt Gaborone mit ihren sozialen Gegensätzen, ebenso mit ihren Schönheiten. Mma Ramotswe ist die Person, um die sich die Romane drehen, aber sie steckt - wie in einer afrikanischen Großfamilie üblich - nur im Zentrum eines Geflechtes aus Beziehungen. Und diese lotet der Autor so schön aus, dass man auch als Afrika-Unkundiger ein Gefühl für diesen Kontinent bekommt.
Da für die meisten Menschen in Deutschland Afrika noch fantastischer als viele Science-Fiction-Romane ist, empfiehlt sich die Lektüre der Mma-Ramotswe auch mit den Augen eines SF-Fans. Ich bin sicher, dass nicht nur Leo Lukas und ich von den Romanen begeistert sein werden.
Klaus N. Frick