4. April 2006
Im späten 19. Jahrhundert, mitten in der russischen Hauptstadt Sankt Petersburg: Das Mädchen Maus arbeitet als unbedeutende Hoteldienerin im Hotel Aurora, das direkt am berühmten Newski Prospekt liegt. Sein kärgliches Einkommen bessert das Mädchen, das sein gesamtes Leben im Hotel verbracht hat, damit auf, dass es gelegentlich die Hotelgäste bestiehlt.
Als sich sowohl die legendäre Schneekönigin als auch deren Gegnerin, eine englische Magierin, im Hotel einquartieren, wird Maus gegen eigenen Willen in die Auseinandersetzung der zwei Frauen hineingezogen. Die Rivalinnen führen ihren Kampf mit den Mitteln der Zauberei, und Maus bekommt dies zu spüren, als sich ihre Welt buchstäblich auf den Kopf stellt und sie sich nur noch an der Decke der Räume und Gänge bewegen kann.
Das ist nicht alles: Ein geheimnisvoller Mann versucht das Hotel für ein Attentat auf den Zaren zu nutzen, während ein seltsamer Junge in Begleitung der Schneekönigin offensichtlich in Wirklichkeit ein verzaubertes Rentier ist ... Maus muss sich zwischen den verschiedenen Fronten entscheiden, und sie ringt nicht nur einmal mit ihren Entschlüssen.
»Frostfeuer« ist ein Fantasy-Roman für junge Leser, der zwar aus der Perspektive eines Mädchens erzählt wird, aber für Jugendliche beiderlei Geschlechts ein Vergnügen sein sollte. Die geradlinige Geschichte, die sich praktisch ausschließlich in dem großen Hotel abspielt, entspricht durchaus einem Bildungs- und Entwicklungsroman, bietet vor allem aber eine interessante Identifikationsfigur - ein Mädchen mit Geheimnissen und Problemen - sowie eine Reihe von nachvollziehbaren Konflikten.
Kai Meyer schafft mit »Frostfeuer« scheinbar spielerisch die Balance zwischen einem erfrischenden Jugendroman voller Phantasie und Zauberei und einem historischen Roman. Der Leser erhält ganz nebenbei einige Informationen über die Endphase des zaristischen Russlands, wobei ihn aber in erster Linie die bunte Geschichte unterhält. Der Roman ist somit in erster Linie für Jugendliche geschrieben, dürfte erwachsenen Lesern jedoch ebenso viel Spaß bereiten.
Immerhin spart der Autor nicht an fantastischen Elementen. Der bereits erwähnte verzauberte Junge gehört ebenso dazu wie Maus' plötzliches Problem mit der auf dem Kopf stehenden Welt. Ein seltsamer Hut wird zu einer Entdeckungsreise der besonderen Art, und Schnee und Eis werden im Kampf der Zauberinnen zu bedeutenden Waffen.
Dass Kai Meyer ein talentierter Erzähler ist, beweist er mit dem vorliegenden Roman nicht zum ersten Mal. Schon mit seinen Trilogien um die »Wellenläufer« und um das Mädchen Merle - allesamt im Loewe-Verlag erschienen - zeigte er, dass er das Genre des Jugendbuchs ebenso gut beherrscht wie das Genre des historischen Romans oder der eher erwachsenen Fantasy.
Bei »Frostfeuer« überzeugte das letztlich sogar eine Jury: Im Jahr 2005 erhielt der Autor für diesen Roman den Internationalen Buchpreis »Corine 2005« als bestes Jugendbuch - nach der Lektüre der 300 Seiten kann ich mich diesem positiven Urteil der Jury nur anschließen.
»Frostfeuer« ist im Loewe-Verlag als Hardcover mit Schutzumschlag erschienen und kostet 14,90 Euro. Mit der ISBN 3-7855-5441-9 ist es in jeder Buchhandlung zu bestellen - oder eben direkt bei amazon.de. Im übrigen gibt es »Frostfeuer« als Hörbuch - fünf CDs in einer schön gestalteten Box.
Klaus N. Frick