2. Mai 2006
Eigentlich können es nur diejenigen PERRY RHODAN-Fans wissen, die Heiko Langhans' Biografie über
Walter Ernsting gelesen haben: Der PERRY RHODAN-Gründungsautor ging schon in den Tagen des Dritten Reiches - wenn er beispielsweise auf Heimaturlaub von der Ostfront war - in seiner Freizeit gern tanzen. Dabei bevorzugte der Mann, der später als
Clark Darlton zahlreiche faszinierende Science-Fiction-Romane schreiben sollte, vor allem die Swing-Musik.
Im Dritten Reich war das gar nicht gern gesehen. Schilder wie »Swing tanzen verboten« hingen in Gasthäusern. Mutige junge Menschen wie
Walter Ernsting hielt das nicht davon ab, allen Befehlen der Partei zum Trotz - und gegen alle Düsterheit des Zweiten Weltkrieges -, ihrer Passion für den Swing-Tanz zu frönen.
Besonders Mutige drückten ihre Begeisterung für amerikanischen Jazz und Swing mit frechem Auftreten und lauten Tanzveranstaltungen aus. Sie wandten sich bewusst gegen die Hitlerjugend und die sogenannte Deutsche Kultur. Vor allem in den großen Städten wie Hamburg wurde geswingt und gefeiert, vielleicht gerade als Reaktion darauf, dass rings um die jungen Leute das Reich buchstäblich in Trümmer fiel.
Das böse Ende kam nach kurzen, rauschhaften Jahren: Die Gestapo löste die Tanzveranstaltungen auf, die Jugendlichen kamen zu einem großen Teil in Konzentrationslager; viele starben unter den entsetzlichen Haftbedingungen.
Mir war dieses Thema bislang nicht so recht bekannt. Mehr erfuhr ich aus einem Buch des Journalisten Jörg Ueberall, das unter dem Titel
»Swing Kids« im
Archiv der Jugendkulturen erschienen ist. Die
»Swing Kids« waren die Angehörigen der ersten selbständigen Jugendkultur in Deutschland. In der finstersten Zeit der deutschen Geschichte trotzten sie der Gleichmacherei und stellten sich rebellisch gegen Hitlerjugend und volkstümliche Marschmusik.
Das vorliegende Buch zeichnet die Geschichte der Swing-Jugendlichen nach, spezialisiert sich dabei stark auf die Szene in Hamburg. Beeindruckende Berichte über Tanzveranstaltungen, weniger fröhliche Aussagen über das Ende der Bewegung und ein hoffnungsvoller Blick auf die Zeit nach dem Krieg: Die Swing Kids waren echte Rebellen, vielleicht unpolitisch, aber auf jeden Fall antifaschistisch.
Die 110 Seiten lesen sich leicht, das Buch ist auf jeden Fall für diejenigen interessant, die mehr über Jugendkulturen wissen wollen. Zu kaufen ist es mit der ISBN 3-936068-68-2 in jeder Buchhandlung oder direkt beim Archiv der Jugendkulturen. Natürlich kann es ebenso bei amazon.de bestellt werden.
Und um noch einmal auf
Walter Ernsting zurückzukommen: Der spätere PERRY RHODAN-Autor sowie »seine« Szene in Bonn und Umgebung kommen in diesem Buch nicht vor - aber man kann sich in etwa vorstellen, in welchem Umfeld und in welcher Zeit Walter Ernsting aufwuchs ...
Klaus N. Frick