21. Juni 2006
Nachdem wir letzte Woche in der Rubrik von »Die Redaktion empfiehlt« das
Kantaki-Universum und den ersten Band der Trilogie vorgestellt haben, geht es heute um die Bände zwei und drei der Trilogie.
Hier ist der Link zur ersten Besprechung.
Der MetamorphEinen leichteren Einstieg und auch einen leichteren Handlungsverlauf bietet der zweite Band der Trilogie: »Der Metamorph« ist eher ein Thriller, weist aber nach wie vor Elemente der Space Opera auf. Hauptsächlich spielt der Roman auf dem Planeten Kerberos, auf dem vor vielen Millionen Jahren zwei seltsame Artefakte gelandet sind, die sich anscheinend bekämpft haben.
Zur aktuellen Handlungszeit erweist sich Kerberos als eine fruchtbare Welt, deren wichtigstes Produkt unglaublich intensive Drogen sind. Auf Kerberos gibt es aber auch Klon- und Gen-Experimente, und dort wird der Metamorph gezüchtet. Diese lebende Wunderwaffe soll im Krieg zwischen den menschlichen Wirtschaftsimperien eingesetzt werden. Er entkommt in Folge eines Attentats - und damit setzt er eine ungeheuerliche Kettenreaktion in Kraft.
»Der Metamorph« spielt wie ein Thriller mit zahlreichen Handlungselementen und -schauplätzen. So ist der Herrscher des Planeten daran interessiert, seine Drogen in die gesamte Galaxis zu verkaufen, der Heiler aber eher daran, einem flüchtenden Jugendlichen zu helfen, und der geheime Ermittler von einer anderen Welt will schlicht den Metamorphen töten.
Brandhorst schichtet diese Handlungsebenen geschickt, erzeugt damit - und durch die verschiedenen Charaktere - eine hohe Spannung. »Metamorph« ist spannender und kompakter als »Diamant«; beide Romane sind aber nicht vergleichbar, weil im ersten Band der Trilogie schließlich das gesamte Universum vorgestellt werden musste.
Der »Metamorph« ist in der Tat ohne Vorkenntnisse des ersten Romans verständlich und ist sicher der packendste der drei Kantaki-Romane. Er stellt aber eine Fortsetzung dar, bei der viele Anspielungen erst richtig funktionieren, wenn man als Leser bereits »Diamant« kennt, erzählt dennoch eine absolut eigenständige Geschichte. Immerhin tauchen teilweise dieselben Figuren auf, zudem spielt das bekannte Universum eine wichtige Rolle beim Geschehen.
Der ZeitkriegHöhepunkt des vorliegenden Kantaki-Dreiteilers ist eindeutig der Abschlussband: In diesem Roman finden alle Intrigen, die von den Temporalen im ersten Band gestartet wurden, ihr Ende. Betroffen sind davon folgerichtig die Hauptpersonen der ersten zwei Bücher: Valdorian, Diamant und der Metamorph erleben in verschiedenen Realitäten die Auswirkungen eines Zeitkriegs, der tatsächlich das Universum in seiner aktuellen Ausformung bedroht.
Den Temporalen gelingt es nämlich, sich aus ihrem Zeitkäfig zu befreien und den Zweiten Zeitkrieg zu beginnen. Dieser geht verloren, und das existierende Geflecht aus Raum und Zeit wird in unzählige Stränge zerschlagen. In all diesen Strängen müssen nun Valdorian und Diamant um das Überleben des Universums - letztlich geht es um nichts Geringeres! - kämpfen.
Die Lektüre des Romans erweist sich als zeitweise extrem verwirrend, da der Zeitkrieg verschiedene Realitäten erzeugt, ebenjene erwähnten Stränge. Letztlich blieb dem Autor beim Schreiben nichts anderes übrig, als die »Farben der Zeit« wirklich kenntlich zu machen: Farbbezeichnungen in den Kapitelüberschriften machen dem Leser so klar, in welcher Realitätsebene sich die Figuren im Augenblick befinden. »Blau« ist dabei die Hauptlinie.
Kleine Ironie am Rande: Es gibt in diesem Buch sogar eine augenzwinkernde Ebene mit Bezug zu Italien, in der unter anderem eine riesige Berlusconi-Statue auftaucht. Der in Italien lebende
Andreas Brandhorst gibt hier einen Kommentar zu den Zuständen in seiner Wahlheimat.
Ich gestehe ein, dass mir der Rahmen des Romans teilweise zu »groß« war: Wenn die Helden damit anfangen, gleich ein ganzes Universum zu retten, ist der normale Leser doch eher geplättet und kaum mehr zur Identifikation mit den Helden in der Lage. Unterhaltsam war die Lektüre trotzdem, weil der Autor eng an seinen Figuren blieb. Die Beweggründe der Handelnden - auch die der Außerirdischen - bleiben stets nachvollziehbar, die Charaktere funktionieren auf allen Handlungsebenen.
Als Leser muss man bei der vergleichsweise komplexen Lektüre dieses Buches »dabei bleiben«; zu lange Lesepausen sind sicher nicht ideal. Liest man »Der Zeitkrieg« allerdings intensiv, wird man mit einer spannenden Space Opera belohnt, die es in dieser Form - so glaube ich - im deutschsprachigen Raum noch nie gab. Eine respektable Leistung!
Fazit:
Die Kantaki-Trilogie ist das ambitionierteste in Sachen eigenständiger Space Opera aus dem deutschsprachigen Raum, das es derzeit auf dem Markt gibt. Letztlich sind die drei Romane deshalb so überzeugend, weil es unter anderem darum geht, was Menschen aus ihrem Leben machen können und woraus der Sinn des Lebens besteht.
Andreas Brandhorst hat sich mit dieser Trilogie meilenweit von den üblichen Trivial-Epen entfernt, wie sie dem deutschsprachigen SF-Leser unter anderem als Übersetzungen aus dem Amerikanischen angeboten werden.
Gespannt kann der Leser schon jetzt auf weitere Bände sein, die im Kantaki-Universum spielen werden. Dieses ist noch lange nicht ausgereizt, es warten zahlreiche unerforschte Welten auf die interessierten Leser.
Klaus N. Frick