4. August 2006
Historische Romane sind in einem Punkt mit fantastischer Literatur vergleichbar: Aufgabe des Autoren oder der Autorin ist, eine fremde Welt so zu schildern, dass sich die Leser in ihr heimisch fühlen und das Gefühl haben, alles sei sehr stimmig und passe zusammen. Unterstützt wird dieser Effekt noch, wenn der historische Roman in einer Zeit und an einem Ort spielt, die den Lesern beide aus dem Geschichtsunterricht sowie aus zahlreichen Filmen und anderen Büchern bekannt sind.
Das römische Imperium bietet sich geradezu an, und hier ist auch Tanja Kinkels Roman
»Venuswurf« angesiedelt: Rein historisch spielt der Roman zu einer Zeit, in der Augustus seine Macht in Rom gefestigt hat und sich bereits die ersten Intriganten sammeln, um den Kampf um seine Nachfolge zu beginnen. Das Imperium ist in diesen Jahren nach Christi Geburt bereits zur Weltmacht aufgestiegen und wächst weiter. Unter anderem geht es darum, die Grenzen Roms in das waldreiche Gebiet der barbarischen Germanias auszudehnen.
In dieser Zeit kommt Andromeda nach Rom. Das Mädchen - von seinen bettelarmen Eltern ursprünglich nur als Tertia, die »Dritte«, bezeichnet - wurde vom eigenen Vater an Sklavenhändler verkauft. Da Andromeda eine »Zwergin« ist, ein besonders kleinwüchsiger Mensch also, zieht sie rasch die Aufmerksamkeit anderer Personen auf sich - und so gerät sie langsam in einen Strudel der Ereignisse: Hof-Intrigen, die den Mächtigen höchstens eine Verbannung einbringen, für die Sklaven aber Folter und grausamer Tod bedeuten können.
Andromeda, die in dem ebenfalls zwergenhaften Sklaven Conopas einen Liebhaber wider Willen findet, lernt Rom von unten kennen, beginnt als Sklavin in einem Bordell mit angeschlossener Imbissbude, bevor sie Akrobatin wird und letztlich als Sklavin einer Adeligen in die höheren Kreise »aufsteigt«.
Ein geschickter Schachzug der 1969 in Bamberg geborenen Erfolgsautorin: Tanja Kinkel schafft es, den Lesern durch den »Aufstieg« der jungen Sklavin ein vielfältiges Bild des kaiserlichen Roms vorzuführen. Die Pracht der Tempel und der steinernen Häuser sieht Andromeda anfangs nur von außen und mit den staunenden Blicken eines Mädchens vom Land; später lebt sie selbst in einem hochherrschaftlichen Haus und kann alles ganz anderes beurteilen.
Gleichzeitig aber bleibt die Welt des römischen Imperiums bei Tanja Kinkel keine klinisch saubere: Es stinkt, und es ist schmutzig; es gibt Sex in zahlreichen Spielarten (auch wenn dieser im Roman nur kurz geschildert wird), ebenso wird die Welt der Garküchen und Badehäuser lebendig, werden Begräbniszeremonien und Ausflüge mit dem Boot geschildert. Das wirkt stets lebensecht und spannend zugleich; auch deshalb, weil Tanja Kinkel nicht an Details spart und so ein geschlossenes Bild der Vergangenheit erzeugt.
Geschickt baut die Autorin historische Personen in ihren Roman ein. Der Dichter Ovid erhält sogar eine tragende Rolle, der Kaiser Augustus taucht immer wieder auf, und viele andere der wichtigen handelnden Personen existierten tatsächlich. Selbstverständlich sind die Dialoge und die meisten Handlungen frei erfunden, wie es sich für einen historischen Roman gehört; trotzdem entsteht durch die Mischung aus »wahren« Details und erfundenen Handlung im Leser der Eindruck, in einer spannenden Zeit des römischen Imperiums tatsächlich dabei zu sein.
Die Figuren wirken größtenteils glaubhaft und agieren so, dass man ihnen die Handlung jederzeit »abnimmt«. Ein weiterer Beleg dafür, dass Tanja Kinkel nicht zu Unrecht zu einer der beliebtesten deutschsprachigen Autorinnen historischer Romane zählt. Eine unterhaltsame Lektüre, die mir sehr gut gefallen hat - wer sich auf das Thema einlassen mag, wird sich auf jeden Fall nicht langweilen und vielleicht sogar noch etwas dazu lernen.
Das Buch »Venuswurf« ist als gebundene Ausgabe im
Knaur-Verlag erschienen; es umfasst 496 Seiten. Mit der ISBN 3426662108 ist es in jeder Buchhandlung zu bestellen oder eben direkt bei
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Es gibt übrigens auch eine Hörbuch-Version (über deren Qualität ich leider nichts sagen kann, da ich sie nicht gehört habe), die im Argon-Verlag erschienen ist. Die acht CDs gibt es unter der ISBN 3870244429 ebenfalls in jeder Buchhandlung - oder direkt bei
amazon.de.
Klaus N. Frick