11. August 2006
Als 1933 der erste Band von
»Sun Koh« erschien, war dies wohl für die damaligen Leser deutschsprachiger Unterhaltungsliteratur eine vollkommene Überraschung. Die Geschichte des nackten Mannes mit der bronzefarbenen Haut, der mitten in London auftaucht und dort für Aufsehen sorgt, faszinierte die Leser. Sie war spannend, sie war »anders«, und sie bot den Reiz des Unbekannten. Die daran anschließenden turbulenten Ereignisse sowie das Geheimnis um die uralte Vorgeschichte des Unbekannten - der niemand anderes war als Sun Koh, der Held der neuen Serie - faszinierte lange genug, so dass die Serie sogar die Zeit des Dritten Reiches überdauern konnte.
Bis heute wirken die Abenteuer der »Sun Koh«-Serie nach: In der PERRY RHODAN-Serie griffen die damaligen Gründer verschiedene Handlungselemente auf.
Atlan, der unsterbliche Arkonide, verdankt seine Herkunft sicher der »Sun Koh«-Serie, dazu kommen weitere Ideen der PERRY RHODAN-Frühzeit.
Walter Ernsting alias Clark Darlton bezeichnete den »Sun Koh«-Erfinder Paul Alfred Müller - der seine Serie unter den Pseudonymen Freder van Holk oder Lok Myler schrieb - als ein »Genie« und bekannte noch in seinem letzten Interview, wie gern er die Serie vor dem Krieg gelesen hatte.
Die Serie wurde immer wieder neu aufgelegt, kam als Taschenbuch und als Leihbuch sowie als Heftroman auf den Markt. Zuletzt wurde anfangs der 80er Jahre ein Versuch unternommen, »Sun Koh« in einer gelb aufgemachten Taschenbuchreihe zu vermarkten.
Der in Zürich ansässige Kleinverlag SSI-Media, der bereits mit einem Buch über »Sun Koh - Der Erbe von Atlantis« die Grundlagen für eine ernsthafte Beschäftigung mit der Serie gelegt hat, brachte nun das erste »Sun Koh«-Buch heraus. Enthalten sind die ersten fünf Heftromane, angefangen bei »Ein Mann fällt vom Himmel« bis hin zu »Schach dem Tode«, in denen die wichtigsten Handlungspersonen der Serie erstmals auftauchen.
Selbstverständlich gehört dazu Sun Koh selbst, der Erbe von Atlantis, aber auch der Schwarzafrikaner Nimba - der in der originalgetreuen Wiedergabe aus den 30er Jahren stets als »Neger« oder »Jorube« bezeichnet wird -, der deutsche Wissenschaftler und Erfinder Dr. Peters, der Bösewicht Garcia oder die intrigante Lady Houston. Nach all den Jahren sind die Abenteuer tatsächlich noch sehr gut lesbar. Es handelt sich um eine unterhaltsam geschriebene Lektüre, der man selbstverständlich den Zahn der Zeit anmerkt - vor allem in jenen Passagen, in denen es um die Stellung von Frau und Mann oder um die »deutschen Tugenden« geht.
Auch deshalb sind die umfangreichen Anmerkungen und Dokumentationen, die von den Herausgebern Markus R. Bauer und Rolf A. Schmid erstellt worden sind, für den interessierten Leser spannend: Sie zeigen unter anderem, wie die Serie sich im Lauf der Jahre wandelte und wie schon in den 30er Jahren die Zensurbehörden des Dritten Reiches für »Umschreibungen« sorgen oder in den Neuauflagen verschiedene Passagen neu schreiben ließen.
Seitenweise zeigen die Autoren der Dokumentation, was in welcher Nachauflage wie geändert wurde. Man muss dies nicht unbedingt alles selbst nachvollziehen; für künftige Forschergenerationen wurde hier aber wertvolle Grundlagenarbeit geleistet. Ich finde diese Arbeit absolut bewundernswert und war angesichts der Faktenfülle völlig baff - obwohl ich nicht versuchte, ernsthafte Textvergleiche anzustellen.
Ebenfalls sehr interessant sind die Vergleiche mit anderen populären Mythen der Zwischenkriegszeit oder mit Romanwerken verschiedener Autoren, vor allem aber des deutschen Schriftstellers Robert Kraft. Kraft ist heutzutage fast in Vergessenheit geraten; dabei gehörte er vor dem Ersten Weltkrieg zu den populärsten Schriftstellern Deutschlands, am ehesten noch mit Karl May vergleichbar. Der »Sun Koh«-Autor hat von Kraft tatsächlich seitenweise abgeschrieben oder sich zumindest massiv von ihm beeinflussen lassen.
Diese Artikel, die gut hundert Seiten umfassen, bilden einen eindrucksvollen Einblick in die Romanwerkstatt der dreißiger Jahre: Unter dem Erfolgsdruck, regelmäßig spannende Heftromane schreiben zu müssen, griff auch ein Autor wie Paul Alfred Müller auf die Arbeiten seiner Kollegen zurück.
Somit nehmen die Nachworte und Dokumentationen gut vierzig Prozent der fast 500 Seiten dicken Paperback-Ausgabe ein. Jeder Leser wird sich selbst überlegen müssen, welchen Schwerpunkt er bei seiner Lektüre wählt: das reine Abenteuer in den ersten fünf Heftromanen oder die faszinierende Dokumentation zur Veränderung eines uralten Abenteuerstoffes.
Wer sich für die Früh- und Vorgeschichte der deutschsprachigen Science Fiction interessiert, kommt an »Sun Koh« nicht vorüber. Mit der ungekürzten Gesamtausgabe sowie den umfangreichen Dokumentationen liefert SSI-Media einen wertvollen Beitrag zu einer systematischen Forschung, die zudem einiges an Lesevergnügen bietet. Ein extrem empfehlenswerter Band!
Das Buch umfasst 492 Seiten und kostet 24,80 Euro. Die sorgfältige Gestaltung sowie die perfekte Druckqualität sind den Preis ebenso wert wie die umfangreiche Arbeit, die bei der Dokumentation geleistet wurde. Mit der ISBN 3-9521172-2-6 kann das Buch in jeder Buchhandlung bestellt werden, ebenso beim Verlag direkt oder bei amazon.de.
Klaus N. Frick