25. August 2006
Es gibt Gründe genug, als Comic-Leser eine kritische Distanz zu Superhelden-Geschichten einzunehmen: Was in den Vereinigten Staaten zum Kulturgut gehört, gefällt hierzulande nur wenigen - zu übertrieben sind die Muskeln der Helden, zu wenig nachvollziehbar die konkreten Bedrohungen, in die sich die tapferen Helden während ihrer Abenteuer stürzen. Wer aber permanent die Nase gegenüber dem gesamten Genre rümpft, übersieht dabei einige Perlen, die sich wirklich lohnen.
Zwei davon sind in jüngster Zeit beim deutschen Ableger des amerikanischen Comic-Giganten Marvel erschienen: die siebenteilige Miniserie »Nyx« in einer Gesamtausgabe sowie »Black Widow« in einem abgeschlossenen Band. Bei beiden Comic-Büchern handelt es sich um Abenteuer von Frauen, die zwar im Superhelden-Universum angesiedelt sind, dieses aber nur am Rand streifen.
Für PERRY RHODAN-Fans besonders interessant: Beide Bände wurden von
Uwe Anton ins Deutsche übertragen. Der PERRY RHODAN-Autor, der in den 80er Jahre durch seine Übersetzungen (unter anderem »Watchmen« und »V«, aber auch die relevanten »Batman«-Abenteuer) den anspruchsvollen Superhelden-Comics den Weg bahnte, steht für schriftstellerische Qualität - das allein sollte ein Grund sein, sich die zwei Bände genauer anzuschauen.
Wobei die Stories ebenfalls überzeugend sind ...
Ein gutes Beispiel dafür ist »Nyx«. Erzählt wird die Geschichte von Kiden, einem jungen Mädchen, das die üblichen Teenager-Probleme in den Straßen von New York hat: Stress mit der alleinerziehenden Mutter, Stress mit dem nervenden Bruder, Stress mit den Gangs an der Schule - alles in allem ziemlich krass. Doch als Kiden in einer Auseinandersetzung komplett über die Stränge schlägt, muss sie erkennen, dass sie noch viel mehr Stress bekommen wird: Sie ist nämlich eine Mutantin.
Spätestens damit ordnet sich die Geschichte um Kiden und ihre Freundinnen, die sie auf der Straße trifft, in den Marvel-Kosmos ein, in das umfangreiche Universum der »X-Men«, die mittlerweile durch Hollywood-Verfilmungen auch einem breiteren Publikum im deutschsprachigen Raum bekannt geworden ist. Die packende Geschichte ist aber weit entfernt, die üblichen Superhelden-Abenteuer zu erzählen; der gesamte Überbau der »X-Men« bleibt aber dezent, so dass ihn die Leser nur erkennen, wenn sie genau aufpassen.
Es handelt sich bei »Nyx« um eine hervorragend erzählte Teenager-Geschichte mit Drogen und Gangs, in der Obdachlosigkeit und sexuelle Verwahrlosung thematisiert werden. Vom Erzählerischen her zeitweise derb, von den Zeichnungen her stark realistisch - ein spannendes Comic-Buch, das mich begeistert hat. Kein Wunder: Autor ist Joe Quesada, der Marvel-Chefredakteur, der unter anderem herausragende »Batman«- und »Daredevil«-Geschichten erfunden hat und derzeit einer der besten amerikanischen Comic-Autoren sein dürfte. Joshua Middleton und Robert Teranishi, beide für die Zeichnungen verantwortlich, sind noch nicht so bekannt - das sollte sich mit diesem Comic-Buch ändern.
Erschienen ist »Nyx« in der Reihe »100% Marvel«; ein Softcover-Album mit einem schönen Faltcover. Es umfasst 196 Seiten, kostet 19,95 Euro und ist im Comic-Fachhandel sowie im Comic-Versand erhältlich.
Ebenso eindrucksvoll wie »Nyx« ist »Black Widow - Heimkehr« erzählt, ein knallharter Spionage- und Agenten-Thriller, der in den USA und in der zerfallenden Sowjetunion spielt. Kein Wunder: Autor dieses Comic-Buches ist Richard K. Morgan, ein britischer Science-Fiction-Schriftsteller, dessen Romane hierzulande bei Heyne erscheinen. (Verantwortlich für die Übersetzung seiner Romane zeichnet übrigens der ATLAN- und PERRY RHODAN-Autor
Bernhard Kempen ...)
Die »Black Widow« ist eine legendäre russische Spionin, die schon vor Jahren zum Westen gewechselt ist und seitdem in den USA lebt. Doch dann versucht ein Attentäter sie umzubringen. Die Ex-Spionin erkennt, dass auch andere ehemalige Agenten gejagt werden - und ihr wird klar, dass sie in die ehemalige Sowjetunion reisen muss, um herauszufinden, wer es auf sie abgesehen hat.
Morgan liefert eine jener Geschichten, die ihn auszeichnen: ein packendes Abenteuer, temporeich erzählt und mit glaubhafter Action versehen, mit einer geheimnisvollen Heldin und ihren Geheimnissen aus der Vergangenheit. Superhelden-Effekte findet der Leser in dieser Geschichte nur dann, wenn er wirklich danach sucht und weiß, dass die »Schwarze Witwe« in engem Zusammenhang zur »Daredevil«-Saga steht. Wer das nicht weiß, bekommt eine rasante Geheimagenten-Story, wie man sie in Comic-Form nur selten sieht - als Vergleich fällt mir ausgerechnet die französische Serie »XIII« ein.
Für die Zeichnungen sind übrigens der amerikanische Comic-Künstler Bill Sienkiewicz (gestaltete unter anderem »Elektra«) und der Kroate Goran Parlov verantwortlich, die ihre Grafiken sehr nüchtern gestalten, manchmal fast eisig kühl in der Farbgebung, aber stets mit einem hohen Grad an Realitätsnähe. Beeindruckend.
Erschienen ist »Black Widow - Heimkehr« in der Reihe »Collection Max« als Softcover-Album mit gelungenem Faltcover. Es ist 148 Seiten stark, kostet 16,95 Euro und ist im Comic-Fachhandel sowie im Comic-Versand erhältlich.
Klaus N. Frick