10. November 2006
Die Karrieren mancher Schriftsteller verlaufen überraschend und schnell - die in der Nähe der baden-württembergischen Stadt Freiburg lebende Heide Solveig Göttner ist ein gutes Beispiel dafür. Bereits ihr erster phantastischer Roman wurde in der »Oberklasse« publiziert: »Die Priesterin der Stürme« erschien im Frühjahr 2006 in einer wunderschönen Hardcover-Ausgabe im Piper-Verlag.
Handlungsort des Romans ist eine Insel, durch einen tiefen Graben in einen Nord- und einen Südteil getrennt. Die Menschen aus dem Norden haben mit jenen des Südens so gut wie nichts zu tun, seit sie vor Generationen einen fürchterlichen Krieg gegeneinander führten. Das ist nicht der einzige Konflikt, der die Insel trennt: Die Menschen sind nämlich nicht die ursprünglichen Bewohner der Insel, sie haben die Ureinwohner der Insel in die unwirtlichen Gebiete vertrieben. Im fruchtbaren Land errichteten die Menschen ihre durch Türme beherrschten Städte, im Ödland leben seitdem die Nraurn, die sogenannten Ziegenkrieger.
Vor der Kulisse einer faszinierenden Insel mit uralten Kulturen siedelt Heide Solveig Göttner ihre Fantasy-Trilogie »Die Insel der Stürme« an, deren erster Band als »Die Priesterin der Türme« erschienen ist und deren zweiter Band im Frühjahr nächsten Jahres auf den Markt kommen wird. Rein optisch zielen die Bücher auf ein eher weibliches Publikum, das sich für Fantasy-Literatur interessiert. Von dieser Optik sollte sich ein Mann aber nicht abschrecken lassen - schließlich tat ich es auch nicht und wurde mit einer sehr unterhaltsamen Lektüre belohnt.
Als Leser lernt man zuerst die junge Amra kennen, die als eine Art Priesterin dem Totengott Antiles dient und von daher in besonderer Beziehung zum Tod steht. Ebenso erkennt man als Leser, dass es auf dieser Insel das Taú gibt, eine Art magisches Element, das in den Menschen wohnt und das nur besondere Menschen wie Amra erkennen können.
Die Handlung des Buches kommt recht schnell in Fahrt, nachdem die Reiter der Stadt Caláxi einen Wanderer aus dem Norden und ein Mädchen mit türkisfarbenen Augen aufgegriffen haben. Dieses Mädchen wird von Amra als »besonders« erkannt, und sie erlebt mit, wie sich ihr Leben nach dem Auftauchen des Kindes rapide ändert.
Ihre Stadt geht in einem Erdbeben unter, und eine seltsame Gruppe von Menschen flieht in die Ödländer der Nraurn: Amra selbst, der einsame Wanderer und das Kind, dazu ein Reiter aus der Stadt. Gemeinsam werden sie mit den unheimlichen Mythen der Ziegenkrieger konfrontiert und mit den Plänen der Nraurn-Herrscherinnen, den Krieg gegen die Menschen zu verstärken.
Die Autorin verzichtet in ihrem Buch erfreulicherweise auf die gigantischen Schlachtengemälde, die viele Fantasy-Romane mittlerweile beherrschen. Ihr Augenmerk gilt den Menschen, die sie ins Zentrum des Geschehens stellt, ihren Ängsten und Sorgen, aber auch ihrem Mut, mit dem sie sich den Herausforderungen des Ödlandes stellen. Da die Autorin den Roman aus der eindeutigen Perspektive der Figuren heraus erzählt, wirkt die Handlung stets überzeugend und direkt.
Ich persönlich fand die Charakterbeschreibungen einprägsam und unterhaltsam zugleich; vor allem gefiel mir der saubere Stil der Autorin, der sich weit von der häufig sehr trivialen Schreibe mancher Fantasy-Titel abhebt. Verfolgungsjagden und Kämpfe schildert Heide Solveig Göttner souverän, wennngleich sie auf krachende Action weitestgehend verzichtet.
Wer moderne Fantasy aus deutschen Landen lesen mag, ist hier gut bedient. »Die Priesterin der Stürme« lohnt sich. Das Buch hat einen Umfang von 431 Seiten und kostet 19,90 Euro. Mit Hilfe der ISBN 3-492-75004-4 ist es in jeder Buchhandlung zu beziehen - oder eben direkt bei
amazon.de.
Übrigens hat Heide Solveig Göttner eine interessante
Homepage eingerichtet. Auf dieser gibt es nicht nur eine Leseprobe und Informationen zum Buch sowie zur Schriftstellerin, sondern auch eine interaktive Karte der Handlungsschauplätze - eine originelle Idee! Hier lohnt sich der Besuch der Homepage wirklich.
Im Phantastischen Bücherbrief erschien ein ausführliches
Interview mit der Autorin; dieses ist auch im Internet dokumentiert. Ein weiteres
Interview erschien auf der Homepage der Phantastik-News. Beide sind lesenswert!
Klaus N. Frick