2. Mai 2007
Kein anderer Künstler hat die Covergestaltung der Science Fiction in Deutschland Anfang der 70er Jahren stärker beeinflusst als Helmut Wenske - der sich in der SF nur oberflächlich auskannte. Eher zufällig bekam er das Angebot, für den Frankfurter Insel Verlag die Reihe »Phantastische Wirklichkeit - Science Fiction der Welt« zu gestalten. Der Lektor gab ihm Philip K. Dicks »Drogenroman«
»The Three Stigmata Of Palmer Eldritch« zu lesen, und der gebürtige Hanauer war beeindruckt.
Kein Wunder, Wenske stand damals ebenfalls permanent unter Drogen. Der gelernte Porzellan- und Keramikmaler und Schaufenstergestalter malte unter Stoff drauflos, und fast zwangsläufig interpretierte er Dicks Roman kongenial. Keine kleinliche Illustration einer Schlüsselszene, fotorealistisch mit einem strahlenden Helden oder einem exotischen Alien, sondern eine überquellende Phantasmagorie mit dem aus einem brodelnden, rotblauen Sternenhimmel entstehenden janusgesichtigen Schöpfer von transparenten Planeten, in denen gequälte Menschengesichter gefangen sind - alles doppelt und verzerrt, alptraumhaft eindringlich, ein psychedelisches Tor in eine andere Welt, das Dicks Oevre so gut erfasste wie kaum ein anderes Titelbild zu einem Roman dieses Autors. Und das mir damals klar machte, was Science Fiction wirklich sein und leisten kann.
Helmut Wenske malte nicht in einem Elfenbeinturm, hatte damals mit seinen 30 Jahren schon mehr Erfahrungen gemacht als manch anderer in 90. Seine Heimat war »die Szene« - und die Musik. 1940 in Hanau geboren, überlebte er die Bombennächte und Zerstörung seiner Heimatstadt und wuchs in Hanaus berühmt-berüchtigtem Lamboygebiet auf, das ein Soziologe wohl als »prägende Umgebung« bezeichnen würde. Er war als Halbstarker und Rock'n'Roller stadtbekannt und trat schon 1958 mit einem Elvis-Song in der Hanauer City Bar auf. Die Musik ließ ihn nie mehr los, doch für Arbeit war er sich nie zu schade, konnte es nicht sein, musste er doch Drogen und Miete finanzieren. Er war Gerüstbauer, Kaufhausdekorateur und Plakatmaler, machte Werbung für Rock-Bars, beschriftete Grabkreuze, malte Kulissen für Striptease-Shows - bis er dann in den Siebzigern zu unglaublichem Ruhm in der Verlags- und Musikszene kam und Buchumschläge und Schallplattenhüllen entwarf. Alle rissen sich um seine Arbeiten, die Trips in andere Welten: Seine Bilder wurden als Poster und in Kalendern veröffentlicht, in Magazinen wie PLAYBOY, PARDON, PENTHOUSE, COMET, SCIENCE FICTION TIMES, SPHINX und DIE KUNST abgedruckt, sie erschienen auf Buchumschlägen von Verlagen wie HEYNE, INSEL, FISCHER, MOEWIG und SUHRKAMP und auf Record-Covers von DZYAN, PELL MELL, KARTHAGO, JERONIMO & CREEDENCE CLEARWATER REVIVAL und vor allem von NEKTAR. Sie wurden auf Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt und in fünf Bildbänden publiziert: AHASVERUS (1973), GESICHTE DES ATHANASIUS PERNATH (1977), HIRNLAICH (1978), LETZTE AUFZEICHNUNGEN AUS DER SOMNAMBULANZ (1979) und PSYCHOGRAMME (1980).
Und dann war Schluss. Abrupt, plötzlich, ohne Vorwarnung. Wenske hatte die Kurve gekriegt und stellte die »Experimente mit bewusstseinserweiternden Drogen« (wie es so schön auf seiner Homepage
www.wenske-hyde.com heißt) abrupt ein. Auf Deutsch: Er wurde clean - und konnte nicht mehr malen. Wenn man ein graphisches Lebenswerk als psychedelisch bezeichnen kann, dann seins.
Sich von der Szene vereinnahmen lassen, hat er aber auch vorher nie getan. Er hat nie Auftragsarbeiten erledigt. Er malte seine Bilder, und wenn sie auf den ersten Blick nichts mit dem Roman, den sie als Cover zieren sollten, zu tun hatten und dem Lektor nicht gefielen ... tja, dann hatte der eben gelitten. Lieber sortierte er nachts Pakete für DPD, um die Miete bezahlen zu können. Angebote, alle drei Monate drei Cover zu malen, lehnte er grundsätzlich ab.
Wenskes anderes - und erstes - Leben war die Musik. Tony Sheridan (kennt einer noch die frühen Beatles?), Götz Alsmann, NEKTAR ... das sind nur drei weit gefasste überregionale Namen, die ein gewisses Spektrum aufzeigen. Und in der Hanauer Szene ist er noch immer so bekannt wie ein bunter Hund und hat seine Gigs. Die Science Fiction war für ihn ein Zwischenspiel, die Musik war - und ist - ihm wichtiger.
Dieses Leben hat er nun erzählt, in zwei Bänden (als Chris Hyde) beim
ARCHIV DER JUGENDKULTUREN. ROCK'N'ROLL TRIPPER und SCHEISS DRAUF! heißen sie. In einer unnachahmlich ehrlichen Sprache erzählt er von seiner Mutter, die von Anfang an davon überzeugt war, dass aus ihm nichts Anständiges wird, von der Szene in Hanau, von Drogen, von Science Fiction-Bildern, von Feinden, Freunden und Polizisten. Die rotzfreche Slangsprache zieht den Leser von der ersten Seite an in den Bann (auch den nicht gebürtigen Hessen), ist so lebendig wie die kaum eines anderen deutschsprachigen Buchs, das ich kenne, umfasst das gesamte Spektrum des Lebens, ist teilweise unglaublich traurig, dann wieder unglaublich lustig, aber immer mitreißend. Und Wenske hält mit nichts zurück: so stand er z.B. zehn Jahre unter Mordverdacht, bis ein DNS-Test ihn endgültig reingewaschen hat.
Helmut Wenske erlebt derzeit, mit 67 Jahren, eine Renaissance. In den USA erscheinen qualitativ umwerfende, aber auch sehr teure Bildbände mit seinen Bildern, in Deutschland steht die einstündige Fernsehbiographie SHAKIN' ALL OVER - EIN LEBEN GEGEN DEN STRICH kurz vor der Ausstrahlung, seine Bücher erscheinen als
Hörbücher, gesprochen von Ralf Richter, und Gruppen wie
FANTASYY FACTORYY spielen heutzutage LPs und CDs nach seinen Bildern ein.
Wer wissen will, wie es damals wirklich war, kann es nachlesen und bestellen. Helmut Wenske hat nie ein Leben für die Science Fiction geführt - aber ein Leben. Das ist ein Verlust für die SF in Deutschland, aber nicht für ihn. Den Leser erwartet eine wahre Tour de force - auch wenn ein Vergleich mit Charles Bukowski vielleicht etwas zu hoch gegriffen ist.
Und: Helmut geht's gut, nach allem, was er erlebt hat. Kurzhaarschnitt, Schnäuzer, Waschbrettbauch (mit Narben), und: »Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.« Demnächst wird seine erste Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht.
Ich kann es kaum erwarten.
Uwe Anton