22. August 2007
Schaut man sich die amerikanischen Autoren an, die fantastische Literatur im weitesten Sinne schreiben, fällt auf, dass die meisten von ihnen der weißen Mehrheitsgesellschaft entstammen. Gelegentlich gibt es einen Afroamerikaner oder einen Latino, der SF, Fantasy und Horror verfasst. Zur absoluten Ausnahme aber zählen Schriftsteller aus der Minderheit der amerikanischen Ureinwohner, der sogenannten Indianer.
Owl Goingback, der den Völkern der Cherokee und Choctaw entstammt, ist der einzige, der mir einfällt. Umso gespannter war ich deshalb auf die Veröffentlichung seines Romans »Crota«, für den er vor einigen Jahren den Bram-Stoker-Preis für den besten Nachwuchsroman erhielt. Dass der neu gegründete Otherworld-Verlag diesen Roman veröffentlicht, finde ich schon deshalb sehr gut, weil damit das Augenwerk auf einen indianischen Erzähler gerichtet wird. In seinem Erstlingswerk verbindet Goingback einen alten Indianer-Mythos mit Krimi- und Horror-Elementen.
Aber erst einmal der Reihe nach: Einer der Helden des Buches ist Sheriff Skip Harding, der es in seiner ländlichen Region, dem Hobbs County, auf einmal mit einer Reihe grausiger Morde zu tun bekommt. Der andere »Held« ist Jay Little Hawk, ein indianischer Wildhüter, der zudem über die Kräfte eines Schamanen verfügt und rasch erkennt, was hinter den Morden steckt: Es ist der Crota, ein Monster, das den Legenden der Indianer entstammt und vor vielen Jahren verbannt wurde. Jetzt ist die Bestie aus der Urzeit wieder da, und sie wird nicht eher mit den brutalen Morden aufhören, bis sie getötet worden ist ...
Die beiden Männer, die sich erst kennenlernen müssen, benötigen die Hilfe eines alten Medizinmanns, der zuvor aus seiner Reservation geholt werden muss - nur gemeinsam können sie gegen die uralte Bedrohung aus den Tiefen der Erde vorgehen. Sheriff Harding entdeckt im Verlauf des Geschehens seine indianischen Wurzeln, und letztlich ist es die Magie der Prärie-Indianer, die dabei hilft, dem Crota paroli zu bieten.
Der direkt und schnell erzählte Roman spart nicht an derben Szenen, vor allem im ersten Drittel; Blut spritzt, und die Aktionen des Monsters werden heftig geschildert. Ab der zweiten Hälfte wandelt sich der Roman jedoch zu einen immer mystischer werdenden Schmöker. Traumbilder in einer Schwitzhütte und Gespräche über das Verhältnis zwischen weißer Mehrheitsgesellschaft und indianischer Minderheit nehmen in diesem Teil des Romans einen breiten Raum ein.
Insgesamt ist das Ganze recht einfach erzählt, im Prinzip folgt »Crota« den Regeln eines Gruselhefts: Monster taucht auf, Monster bringt Leute auf, Monster wird gejagt, Monster wird getötet, die Überlebenden sind glücklich und zufrieden. Zwar gibt es in diesem Roman ein wenig mehr Blut als im Gruselheft, die Handlung bleibt im Großen und Ganzen doch recht vorhersehbar. Spannend ist sie nur insofern, dass man sich als Leser fragt, wer von den Helden bei der Jagd auf das Monster - stilecht in einem Höhlensystem - denn nun wirklich auf der Strecke bleibt.
Originalität bezieht der Roman schlicht aus dem Thema: Es geht um indianische Mythen, die der Autor als Angehöriger dieser amerikanischen Minderheit glaubhaft zu schildern weiß. Wer darüber hinaus einen psychologisch gestrickten Horror-Roman mit intensiv geschilderten Charakteren erwartet, ist allerdings fehl am Platz. Owl Goingbacks »Crota« ist action-lastiger Horror, meinetwegen auch ein Action-Roman mit leichtem Horror-Touch, den man sich sehr gut als Kinofilm vorstellen kann.
Seien wir fair: Mir hat der Roman gute Unterhaltung beschert. Die schnell vorangetriebene Handlung lässt keine Langeweile aufkommen, und immer wieder gibt es kleinere Überraschungen, die den Leser bei der Stange halten. Das Buch ist auf jeden Fall empfehlenswert, wenn man knallige Action für »zwischendurch« mag oder sich dafür interessiert, was ein aus der Reihe fallender Autor als Erstlingswerk verfasste.
Kein Meisterwerk, garantiert nicht, aber absolut brauchbare Action-Unterhaltung!
Das Buch ist übrigens schick ausgestattet: ein Hardcover mit Schutzumschlag, dazu ein Lesebändchen. Gerade einem kleinen Verlag rechne ich eine solche Ausstattung hoch an. Das 232 Seiten starke Buch kostet 18,95 Euro; unter der ISBN 978-3-9502185-3-4 ist es in jeder Buchhandlung zu bestellen - ebenso bei Versendern wie amazon.de.
Wer mehr über das Buch wissen will, findet eine
Leseprobe auf der Verlags-Homepage.
Klaus N. Frick