31. Oktober 2007
Der Amerikaner Ian Kennedy arbeitet als Privatdetektiv in London, wohin er vor einigen Jahren gezogen ist. Eine Amerikanerin beauftragt ihn damit, ihre verschwundene Tochter zu suchen, die seit einigen Jahren spurlos verschwunden ist. Kennedy hat einige Erfahrung damit, Menschen zu finden, die nicht einmal mehr von der Polizei aufgestöbert werden können - doch dieser Fall übersteigt seine Fähigkeiten.
Recht schnell merkt er nämlich, dass die junge Studentin nicht »einfach so« aus der Welt verschwunden ist: In einer Reihe surrealer Begegnungen trat ihr im Vorfeld ihres Verschwindens ein Mann entgegen, der sie als seine Frau bezeichnete, mit der er in Wirklichkeit seit langer Zeit verheiratet sei, und in eine andere Welt mitnehmen wollte. Ian Kennedy, der schon einmal einen ähnlichen Fall zu bearbeiten hatte, muss erkennen, dass in England die Geheimnisse der Elfenwelt noch lebendig sind und dass diese fremde Welt ihre Fühler in sein eigenes Universum ausstreckt.
Soweit eine kurze Zusammenfassung des Romans »Das geheime Land« der amerikanischen Schriftstellerin Lisa Tuttle. Wie ihr Protagonist, so wohnt auch Tuttle in Großbritannien, wo sie unter anderem Kreatives Schreiben unterrichtet. Seit Jahren hat man hierzulande von ihr nichts mehr gehört - umso überraschender ist dieser sanft daher kommende Roman, der seinen Unterhaltungswert nicht aus klassischer Spannung oder gar Action zieht, sondern aus den Mythen der Elfenwelt.
Natürlich ist der Fantasy-kundige Leser recht schnell im Bilde und kann sich denken, dass die verschwundene junge Frau in einer parallelen Welt steckt. Der Detektiv jedoch muss erst die Grenzen des rationalen Denkens überwinden und vor allem seine Klientin dazu bringen, die irische und britische Mythologie ernst zu nehmen. Dabei geht Ian Kennedy bei seinen Ermittlungen in seine Erinnerung zurück, zu einem früheren Fall, der ebenfalls mit übernatürlichen Ereignissen zu tun hatte.
Das alles ist in diesem Roman zeitweise durchaus verwirrend geschildert. Lisa Tuttle macht es dem Leser nicht einfach, ihr Roman springt in den Zeiten vor und zurück. Das ergibt zwar eine dichtere Erzählweise, macht aber sicher dem einen oder anderen Leser zu schaffen. Man sollte sich auf die Handlung konzentrieren, um ihr komplett folgen zu können.
Dann aber wird man mit einer Mischung aus Fantasy und Krimi belohnt, die auch Elemente des Liebesromans enthält und einen schönen Einblick in britische Mythen bietet. Geschichten aus dem frühen Mittelalter verbinden sich mit dem Ermitteln eines modernen Detektivs; die Suche Ian Kennedys nach einer neuen Liebe geht einher mit dem Werben eines Sidhe - also eines Elfen - um eine Frau der Menschenwelt. Und die eigene Fantasie verwebt sich immer wieder mit der fantastischen Realität der Elfenwelt.
Lisa Tuttle versteht das Handwerk des Schreibens: Ihr Roman ist sorgsam konstruiert, hier passt alles zusammen. Die vielschichtigen Charaktere, allen voran der Detektiv Ian Kennedy, entwickeln sich im Verlauf des Romans ebenso wie ihre Beziehungen zum »geheimen Land«.
Die Autorin arbeitet oft mit Anspielungen, setzt fantastische Elemente meist dezent ein - wer mag, kann ihren Roman tatsächlich als reinen Krimi mit einigen Fantasy-Aspekten betrachten.
Es ist ein Roman der ruhigen Töne, einer, der nicht auf Schock-Effekte oder knallige Darstellungen setzt. Für Freundinnen und Freunde irischer und britischer Mythen sicher eine Offenbarung, für viele andere ein Beispiel dafür, wie vielschichtig die Fantasy-Literatur heutzutage ist. Ein gelungenes, schönes Buch!
»Das geheime Land« ist als Hardcover im
Piper-Verlag erschienen und ist 396 Seiten stark. Mit Hilfe der ISBN 978-3-492-70123-5 kann der Roman für 19,90 Euro in jeder Buchhandlung bestellt werden; selbstverständlich können ihn auch Versender wie amazon.de liefern.
Klaus N. Frick