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Kurzinfo
»Astro City - der Gefallene Engel«
von Kurt Busiek
ISBN: 978-3-86607-422-4


»The Boys«
von Garth Ennis




14. November 2007

Klaus N. Frick empfiehlt:
Superhelden mal anders

 
Superhelden-Comics gehören seit Jahrzehnten zur amerikanischen Comic-Tradition; man könnte sogar sagen, sie sind der amerikanische Ausdruck für Comics schlechthin. Ob nun Superman über den Himmel düst oder die Justice League ihre Kämpfe gegen irgendwelche Superschurken führen muss, stets ist klar, wo Gut und wo Böse sitzen - und vor allem ist immer eindeutig, dass die Helden diejenigen sind, die für den amerikanischen Traum eintreten.
In den letzten Jahren hat das Bild der Superhelden immer mehr Risse bekommen. Die Serie  »Astro City« treibt diese Veränderung weiter voran, in dem sie eine Welt kreiert, in der Superhelden zum Alltag gehören, und in  »The Boys« sind die Superhelden gar diejenigen, die sich gegen die Menschen stellen und deshalb bekämpft werden sollen.

Die Stadt der Metawesen
Man stelle sich eine Welt vor, in der Superhelden zur Realität gehören, in der es normal ist, dass »Metawesen« durch die Luft fliegen und ihre Kämpfe austragen, in der Comic-Figuren lebendig werden und Tiermenschen ihr eigenes Reich besitzen: Das ist die Welt von »Astro City«, dem wohl beeindruckendsten Superhelden-Werk überhaupt, das von Kurt Busiek zusammen mit mehreren Zeichnern entwickelt wurde.

Vor Jahren erschienen im mittlerweile aufgelösten Verlag Speed Comics insgesamt neun schmale Paperbacks mit Geschichten aus »Astro City«; jetzt liegt mit »Der gefallene Engel« ein dickes Paperback vor. Es handelt sich hierbei um eine eigenständige Geschichte, die ohne jegliche Vorkenntnisse gelesen werden kann - und es ist der wahrscheinlich beste Superhelden-Comic seit Jahren, zugleich einer der besten Krimi-Comics, die ich kenne.

Es geht um Steeljack, einem Mann aus Stahl. Der gescheiterte Superschurke schlug sich jahrelang erfolglos als kleiner Gangster durch. Als er aus dem Gefängnis entlassen wird, findet er keine seriöse Arbeit. Erst als ein geheimnisvoller Mörder die Gegend um den schmuddeligen Kiefer Square - wo er auch lebt - unsicher macht und mehrere Metawesen umbringt, erhält er eine Aufgabe: Steeljack wird zum Detektiv wider Willen, argwöhnisch beäugt von den Sicherheitskräften, kritisiert von den Nachbarn und gequält von der Einsicht in die eigenen Schwächen.

Kurt Busiek ist ein Comic gelungen, der Superhelden zu einer Selbstverständlichkeit werden lässt. Sie sind nicht die strahlenden Helden, als die Superman oder die Fantastischen Vier präsentiert werden; es handelt sich um Menschen mit den gleichen Problemen »normaler« Wesen.

Als Leser folgt man der Geschichte atemlos, bis sie zu ihrem konsequenten und überzeugenden Ende kommt. Und dann möchte man eigentlich gleich noch mal von vorne anfangen - das ist selten der Fall, gerade bei einem Superhelden-Comic. Deshalb gilt hier die eindeutige Empfehlung: Geht ins Comic-Fachgeschäft, schaut euch das Paperback an und kauft es idealerweise sofort. Damit die deutschen Verlage sehen, dass es sich sehr wohl lohnt, anspruchsvollere Stoffe aus den Vereinigten Staaten auf den hiesigen Markt zu bringen ...

Der Comic »Astro City - der Gefallene Engel« ist 192 Seiten stark und kostet 19,95 Euro. Er ist im Comic-Fachhandel zu beziehen, ebenso über spezielle Comic-Händler oder direkt über den  Verlag Panini-Comics; amazon.de und andere Versender führen das Paperback nicht.


Demontage der Superhelden
Während »Astro City« Stories aus einer Comic-Stadt erzählt, in der Superhelden zum Alltag gehören und in der sie Männer und Frauen mit alltäglichen Problemen sein können, betreibt »The Boys« nicht mehr und nicht weniger als die ideologische Demontage von Superhelden.

Auch in der Welt dieser Serie, von der die ersten Hefte jetzt als Paperback erschienen sind, gehören Superhelden zum Alltag. In diesem Universum ist es durchaus normal, dass sich kostümierte Helden und Schurken in den Straßenschluchten ihre erbitterten Kämpfe liefern, ohne dabei Rücksicht auf die Menschen zu nehmen. Ausgerechnet der amerikanische Geheimdienst CIA setzt hier seine Arbeit an: Man misstraut den Superhelden, und es wird eine streng geheime Gruppierung gebildet, die gegen Superhelden vorgehen soll.

Diese Gruppe, genannt »The Boys«, verfügt über einige recht schräge Mitglieder, die in punkto Moral schlimmer sind als der gewissenlosenste Superschurke. Aber »The Boys«, zu denen lustigerweise eine Frau gehört, sind schlagkräftig, wissen mit moderner Technik ebenso umzugehen wie mit ihren Fäusten. Ihr Anführer nennt sich ausgerechnet Billy Butcher, und zu seinen Vergnügen gehört es, wüsten Sex mit der CIA-Direktorin zu haben ... Diese Gruppe geht nun in den Kampf gegen die Superhelden und ihre Macht.

Der erste Band der Reihe ist unter dem Titel »Spielverderber« bei Panini in Deutschland erschienen: eine fiese Abrechnung mit dem Superhelden-Mythos, voll grimmigem Humor, groben Sprüchen und derben Blutspritzern. Die in anderen Serien so strahlend erscheinenden Helden wirken wie ein Haufen gestörter Typen, die nur ihren eigenen Zielen folgen, und ihre Gegner werden hier auf einmal zu Menschen, für die man zumindest Sympathie aufbringt.

Als Autor zeichnet Garth Ennis verantwortlich, der in den 90er Jahren mit Comics wie »Preacher« für Aufsehen sorgte. Eine sorgsame, feine Charakterisierung ist nicht sein Ziel, er bevorzugt stets schockierende Einstellungen und knallharte Handlungsführung. Da passen die lakonischen Texte natürlich wie die Faust aufs Auge; für sanfte Gemüter ist das nicht unbedingt geeignet.

Übrigens passen die Zeichnungen ebenfalls: Darik Robertson, der mit »Spider-Man« und »Wolverine« durchaus Superhelden-Erfahrung sammelte, legt sehr realistisch anmutende Zeichnungen vor, häufig in düsteren Farben gehalten, was die Story ideal illustriert.

Man muss den Humor von Ennis mögen, um Freude an diesem Comic zu haben. Und man muss den Superhelden-Mythos kennen, um zu erkennen, wie er dekonstruiert wird. Dann aber hat man bei der Lektüre viel Spaß - ich habe mich sehr gut unterhalten und weiß schon jetzt, dass diese Empfehlung nicht bei jedermann auf Zustimmung stoßen wird ...

Das 144 Seiten starke Paperback kostet 16,95 Euro. Wie »Astro City« gibt es ihn nur im Comic-Fachhandel, ebenso bei speziellen Comic-Händlern oder direkt über den  Verlag Panini-Comics.

 Klaus N. Frick