9. Mai 2008
Will man streng nach Schablonen vorgehen, hat sich der Comic-Markt in drei Formate aufgegliedert: das Album (und sein Ableger, das großformatige Hardcover), das amerikanische Format (deutlich kleiner, als Heft und als Paperback) und das Taschenbuch (meist Mangas und artverwandte Produkte).
Der klassische Science-Fiction- und Fantasy-Leser greift nach wie vor nach Alben, sowohl in der Soft- als auch in der Hardcover-Form. Die schon seit Jahrzehnten aktiven Verlage
Carlsen und
Ehapa steuern einen großen Teil zu diesem Markt bei, in den letzten 15 Monaten kam noch der
Splitter-Verlag mit seinen herausragenden Comic-Produktionen hinzu.
Selbstverständlich gibt es im Manga-Bereich genügend »fantastische Stoffe«, die teilweise sehr gut umgesetzt werden. Ich gestehe, mich damit nicht auszukennen, weshalb ich diesen Bereich eher links liegen lasse.
Anders ist es mit den Comics im amerikanischen Format. In den 80er Jahren wurden diese Comics noch auf die in Mitteleuropa üblichen Formate umgebaut, also entweder aufs Album-Format »aufgeblasen« oder auf Taschenbuch-Größe reduziert; in den 90er Jahren brachten Importeure die amerikanischen Original-Hefte endlich zu brauchbaren Preisen auf den Markt, und gegen Ende des Jahrzehnts hatten wir eine wahre Schwemme an Superhelden-Heften für den deutschen Markt.
Das ist seit einiger Zeit vorüber, doch nach wie vor erscheinen hochklassige Comics im deutschsprachigen Raum, die aus dem Amerikanischen übersetzt wurden. Und in dieser Woche präsentieren wir jeden Tag einen anderen Ami-Comic, den wir euch ans Herz legen wollen!
Tier-Fabel im zerbombten Irak
Reportagen, Romane und Filme über den amerikanischen Einmarsch im Irak und die schrecklichen Jahre danach gibt es mittlerweile zuhauf, ein Comic ist selten. Noch seltener ist allerdings eine »Graphic Novel« - hier stimmt der Begriff auf jeden Fall - wie »Die Löwen von Bagdad«, die eine so herausragende erzählerische und optische Qualität besitzt. Die im Frühjahr 2003 spielende Geschichte wird nämlich komplett aus der Wahrnehmung von vier Löwen erzählt, die während eines Bombenangriffs aus dem Zoo von Bagdad entkommen sind und nun durch die zerstörten Straßen der Stadt irren.
Autor dieses ungewöhnlichen Comic-Romans ist Brian K. Vaughan, der schon mehrfach mit Preisen ausgezeichnet wurde und ansonsten als Autor für die Fernsehserie »Lost« arbeitet, während der junge Zeichner Niko Henrichon für die teilweise wunderschönen Bilder und die trotz aller Spannung ruhige Optik verantwortlich ist. Für PERRY RHODAN-Leser nicht uninteressant: Die Übersetzung stammt von
Claudia Kern, aus deren Feder auch zwei PERRY RHODAN-Heftromane stammen.
Tatsächlich handelt es sich bei »Die Löwen von Bagdad« im weitesten Sinn um eine Tierfabel; wer möchte, kann den Comic-Roman sogar in die Rubrik »Tier-Fantasy« einsortieren. Der alte griesgrämige Löwe Zill, der Anführer des kleinen Rudels, die junge Löwin Noor mit ihrem unbezähmbaren Freiheitsdrang, die alte Löwin Safa, die noch in Freiheit aufgewachsen ist, und das Löwenkind Ali, das gespannt darauf ist, wie die Welt außerhalb der Mauern aussieht, und das noch nicht einmal weiß, was ein Horizont ist - das ist die »Heldengruppe« dieses Abenteuers.
Die vier leben seit Jahren im Zoo, und als die Mauern brechen, gelangen sie in die Freiheit. Als verunsicherte Gruppe stromern sie durch die Straßen Bagdads, stoßen auf tote Menschen und laufen durch zerstörte Paläste, sehen Panzerkolonnen und angreifende Flugzeuge - und stoßen gegen Ende auf amerikanische Soldaten, die sie erschießen. Der Abschluss des Comics ist tatsächlich verbürgt: Angehörige der Invasionsstreitkräfte trafen auf die hungrigen Tiere und töteten sie.
Was mir neben der spannend geschriebenen und toll gezeichneten Story am besten gefiel, ist die Tatsache, dass sich der Comic einer klaren politischen Zuordnung entzieht. Weder kritisiert er den Irak-Krieg, noch lobt er die Invasion: Die Geschichte wird aus der Sicht von Löwen erzählt, die selbstverständlich nur eine Sicht von »ganz unten« auf das Geschehen haben. Insofern ist »Die Löwen von Bagdad« eine Tierfabel ohne klare Moral, die sich jedem Leser sofort erschließen könnte. Die Geschichte lässt einen betroffen zurück, weil sie eben keine Lösung anbieten kann.
Der Comic-Band, mit einem schicken Klappcover ausgestattet, ist 136 Seiten stark und kostet 16,95 Euro. Mit Hilfe der ISBN 978-3-86607-485-9 ist das Werk in jeder Buchhandlung zu bestellen, selbstverständlich auch im Comic-Fachhandel sowie über Versender wie amazon.de.
Klaus N. Frick