19. März 2009

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Die Woche der Krimis-Tipps, Teil 4

Packender Revolutions-Krimi
Demonstrierende Arbeiter, aufmarschierende Freikorps-Einheiten, hungernde Menschen, Not und Elend: Der November und Dezember 1918 zeigten ein Berlin in Aufruhr, in dem sich Revolutionäre und Reaktionäre erbittert bekämpften, in dem die Nachkriegszeit in einem unaufhörlichen Chaos stattfand und wo die Menschen verzweifelt versuchten, Grundnahrungsmittel oder Kohle für ihre Öfen zu bekommen.

Das ist die Kulisse für den Roman »Novembertod«, den die Berliner Autorin Iris Leister verfasst hat. »Novembertod« gehört zu einem sogenannten Kettenroman, der anhand von fiktiven Kriminalfällen das frühe zwanzigste Jahrhundert nacherzählt. Hauptheld ist der Kriminalkommissar Hermann Kappe, und der Roman schildert seinen fünften Fall - trotz des leichten Seriencharakters muss man übrigens nicht die geringsten Vorkenntnisse haben, um der Geschichte folgen zu können.

Allerdings sollte man als Leser schon ein gewisses Grund-Interesse an den historischen Ereignissen des Jahres 1918 mitbringen, weil man sonst die Geschehnisse kaum einordnen kann. Der Mord an dem Freiherrn Heinrich von Brettin wird beispielsweise einem »roten« Arbeiter in die Schuhe geschoben, womit die Tat einen politischen Hintergrund bekommt: Ein »Linker« hätte in diesem Fall einen »Rechten« erschossen - und das ist die Version, der auch Hermann Kappe anfangs folgt. Doch rasch entwickelt er Zweifel an dieser Theorie, und er fängt an, unbequeme Fragen zu stellen.

Und während er sich auf den Straßen herumtreibt, mit der Straßenbahn von einem mutmaßlichen Zeugen zum nächsten fährt oder mit den Angehörigen, Kollegen und Partnern spricht, erkennt er immer deutlicher, dass es hier um eine größere Intrige geht, dass er womöglich nur eine Schachfigur im Spiel von mächtigen Männern ist, die sich im Nachkriegsdeutschland einzurichten beginnen. Kappe wird von seinem Vorgesetzten irgendwann »kaltgestellt« und ermittelt auf eigene Faust weiter, er wird zusammengeschlagen und bedroht, gibt aber nicht auf. Und während alledem muss er sich, seine Frau und das neugeborene Kind durch eine Zeit bringen, die außer Hunger, Elend und Not nicht viel zu bieten hat.

Beeindruckend klar schildert Iris Leister die letzten Wochen des Jahres 1918. Ihr Roman gibt in eindringlichen Bildern, die stilistisch nie weitschweifig werden, einen packenden Einblick in die sozialen und gesellschaftlichen Umstände der Revolutionszeit. Sie zeigt die Hoffnungslosen und Hoffnungsvollen - ein junger Fotograf etwa -, die Mächtigen und die Machtlosen, die Hungernden und die Reichen; ihr Fokus liegt dabei auf den »kleinen Leuten«, denen auch ihre Sympathie zu gelten scheint. Neben der packenden Krimi-Handlung sind es diese Szenen und die schön geschilderten Charaktere, die »Novembertod« zu einer hochspannenden Angelegenheit machen.

Immer wieder interessant ist, wie die Autorin in ihrem Roman verschiedene Personen der Zeitgeschichte auftauchen lässt. Der Regisseur Ernst Lubitsch kommt so ebenso zu einem kurzen Auftritt wie der Unternehmer Alfred Hugenberg oder Reichskanzler Friedrich Ebert. Bei anderen Personen kann man sich als Leser durchaus vorstellen, dass sie ihre Entsprechung in der Realität haben - aber auch sonst kann man mitfiebern: die brodelnde Stimmung im Zirkuszelt während einer Räte-Versammlung, die Demonstrationen der aufgebrachten Bürger, der Sturm auf eine Polizeiwache und anderes.

Nach diesem Buch, das ich mit wachsendem Interesse und zuletzt großer Begeisterung las, erwachte in mir glatt ein zusätzliches Interesse für die Revolutionszeit. Es wäre zu wünschen, dass die Autorin die Recherche, die sie für diesen Krimi betrieben hat, bei Gelegenheit auch in einem anderen Romanprojekt verwirklichen könnte. Solange aber kann ich dem Krimi »Novembertod« nur möglichst viele Leser wünschen.

Erschienen ist das Buch im Jaron-Verlag, der sich auf Berlin-Literatur spezialisiert hat. Es umfasst 192 Seiten und kostet 7,95 Euro. Mit der ISBN 978-3-89773-577-4 kann es in jeder Buchhandlung bestellt werden, selbstverständlich ebenso über Versender wie amazon.de.