18. Juli 2003
»Gibt's heute mal Käsepicker?«, frage ich und lasse mich auf den Stuhl neben Paul plumpsen, der gerade einen Tischtennisball mit Zahnstochern malträtiert.
»Käsepicker? So ein Quatsch! Das wird ein Kugelraumer.« Paul piekt einen weiteren Zahnstocher in den Plastikball. »Siehst du? Die Landestützen.« Er stellt sein Konstrukt auf den Tisch. »In Garching habe ich noch ganz andere Sachen gesehen. Die Festung der Inquisition, zum Beispiel. Und ein AGLAZAR-Schlachtschiff.«
»Und die waren aus Tischtennisbällen und Zahnstochern zusammengeklebt?«
»Natürlich nicht. Aber ich fange ja auch gerade erst an, Modelle zu bauen. Hast du das neue Kartenspiel dabei?«
»Wie versprochen«, sage ich und lege ein niegelnagelneues Blatt auf den Tisch. »Obwohl ich nicht verstanden habe, warum du mich deswegen angerufen hast. Die Karten letzte Woche waren doch ganz neu.«
»Ach«, brummt Paul, nimmt das Spiel und schüttelt die Karten aus der Papphülle. »Die brauche ich gar nicht.« Er hält die Hülle hoch und wirft mir einen nachdenklichen Blick zu. »Meinst du, das ist die richtige Größe für einen Flottentender?«Tischtennisbälle, Zahnstocher und Spielkartenkartons gehören nicht zu den Dingen, die Marco Scheloske in seinem AGLAZAR-Modell verbaut hat. Dafür hat er aber für längere Zeit alle Baumärkte in seiner Umgebung unsicher gemacht, immer auf der Suche nach dem einen oder anderen Kleinteil für sein Modellbau-Projekt.
»Auf die Idee, mich an einem AGLAZAR zu versuchen, brachte mich letztlich Raimund Peter«, erzählt Marco. Den Österreicher, dessen Modell der »Festung der Inquisition« dem Autorenteam so gut gefiel, dass es in den Tradom-Zyklus eingebaut wurde, traf Marco bei den Spacedays 2002 in Darmstadt, während der er erstmals selbst ausstellte. Dort wurde er auch darauf angesprochen, ob er nicht Lust hätte, einen Beitrag für den Garching Con 2003 zu leisten.
»Ich wollte aber nicht die 25. Version der SOL präsentieren«, erinnert er sich. »Also musste ein Eigenbau her. Da kam mir die Idee mit dem AGLAZAR: ein Schiff aus der aktuellen Handlung, und ein Bösewicht noch dazu. Außerdem hatte ich noch zwei unverarbeitete Zeppelin-Modelle, die natürlich für das Vorhaben wunderbar geeignet waren.«
Mit Perry Rhodan kennt Marco sich aus, die Serie liest er bereits seit 26 Jahren. Und auch im Modellbau verfügt er über reichlich Erfahrung. Bereits als Achtjähriger hat er seine ersten Flugzeuge gebastelt, sich später auf SF-Modelle konzentriert - sein erstes Raumschiff war die gute, alte Enterprise -, und mittlerweile ist er stolzer Besitzer einer über 150 Modelle umfassenden Sammlung, darunter auch ganz besondere Raritäten wie etwa ein STARGATE- Prototyp, von dem weltweit nur fünf Stück existieren und der am Markt noch gar nicht zu haben ist.
Aber trotz aller Übung bedeutete eine komplette Eigenfertigung auch für Marco einen Haufen Arbeit. Zumal neben den zu klärenden technischen Details ein Faktor hinzukam, mit dem er sich bis dato noch nicht herumschlagen musste: ein feststehender Fertigstellungstermin. Schließlich sollte der AGLAZAR pünktlich zum Con in Garching die Modellbau-Ausstellung zieren, und dazu natürlich am Besten mit ein paar Gimmicks, die für normale Werke viel zu aufwendig wären. Beleuchtung, beispielsweise.
Dafür ersteigerte sich Marco bei eBay eine alte Deko-Leuchte mit Glasfaser-Büschel. »Das war der schlimmste Teil des ganzen Projekts«, meint er heute. »800 Löcher mit 0,2 Millimetern Durchmesser bohren - und dann 800 Glasfasern einfädeln. Ich wundere mich jetzt noch, dass ich mir dabei keinen Finger gebrochen habe.«
Entsprechend froh war Marco, als er endlich den letzten Schritt der Arbeit in Angriff nehmen konnte: die Lackierung. Ohnehin kommt ein Modell erst in Farbe richtig zur Geltung. Ganz so einfach war das übrigens auch nicht. Wie ein Katamar des Reiches aussieht, kann man sich aus den Romaninhalten und Titelbildern zusammensuchen; sogar eine Risszeichnung gab es bereits. Bloß bezüglich der Farbe herrschte Unsicherheit - selbst die Teamautoren, die Marco per Email dazu befragte, wussten auf Anhieb keine Antwort.
Insgesamt hat sich die Mühe jedenfalls gelohnt. Nach knapp sieben Monaten und über 150 Arbeitsstunden konnte Marco seinen AGLAZAR in Garching präsentieren. Nicht nur der Kontakt mit Gleichgesinnten - Rhodan-Lesern auf der einen, Modellbauer auf der anderen Seite - hebt eine solche Live-Ausstellung deutlich von der Vorstellung der Modelle im Internet ab, sondern natürlich auch das positive Feedback der Besucher.
Rainer Castor, mit dem sich Marco schon vorab per Mail über technische Daten ausgetauscht und der bereits vorab einige JPG-Files erhalten hatte, war von dem Ergebnis ebenfalls beeindruckt. »Wie schon die Bilder angedeutet hatten, ist das Modell prima geworden - trotz oder vielleicht gerade wegen Detailabweichungen von der ursprünglichen Schemaentwurfsskizze für die Expos«, bestätigt er. »Persönlich hatte ich mit Modellbau noch nie sonderlich viel am Hut, aber meine ungeteilte Bewunderung ist den Schöpfern dieser »Miniaturwelten« sicher - unglaublich, was Leute wie Marco oder Raimund Peter da zustande bringen! Gerade die »Festung der Inquisition« hat ja auch gezeigt, dass wir vom PR-Team gern auf solche phantastischen Anregungen zurückgreifen.«
Marcos nächstes Projekt steht schon fest - ein Szenario aus den Anfangszeiten der Serie: die STARDUST und die GOOD HOPE unter der Energiekuppel am Ufer des Ghoshun-Sees als Diorama im Maßstab 1:1200.
Auch dieses Werk wird sicherlich über kurz oder lang auf einem Con zu bestaunen sein. Oder aber auf
http://www.phoxim.de, einer Internetseite rund um die Modellbauerei. Dort findet sich übrigens auch ein Werkstattbericht Marcos über die einzelnen Phasen der AGLAZAR- Konstruktion, unterlegt mit zahlreichen
Bildern.
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