9. Februar 2004
Die Ingredienzien für einen Skatabend sind: ein Stift, ein Blatt Papier, zweiunddreißig Karten und viel Bier. So war es schon zur Zeit meines Großvaters, zur Zeit meines Vaters und während all der Abende, die ich mit meinen Freunden um jeden Stich gekämpft habe. Und jetzt hat Paul statt Stift und Papier sein Notebook auf dem Tischchen aufgebaut.
»Schneller, übersichtlicher, und die Punkte werden automatisch addiert«, erklärt er und tickert sogleich auf der Tastatur herum, obwohl noch kein einziger Punkt aufzuschreiben ist.
»Toll«, sage ich. »Und nachher hefte ich dein Notebook in meiner Statistik-Akte ab, oder was?«
»Quatsch. Ich drucke dir die Ergebnisse aus. Oder schicke sie dir als Mail.«
Ich sehe wohl nicht sehr begeistert aus.
»He«, sagt Paul. »Man muss mit der Zeit gehen. Heutzutage wird so was halt virtuell gemacht.«
»Klar«, entgegne ich mürrisch. »Und demnächst trinken wir virtuelles Bier und spielen mit virtuellen Karten.«
Ich merke Paul an, dass er in Gedanken versucht, von einem virtuellen Bier zu nippen. Er verzieht das Gesicht und grinst gequält.
»So weit wird's nicht kommen«, meint er. »Aber virtuell ist in. Kürzlich habe ich beispielsweise ein virtuelles Raumschiff im Internet entdeckt. Schick gemacht.«
Das weckt natürlich mein Interesse. »Hast du die URL?«
»Kommt sofort«, sagt Paul, greift an die Stelle, an der sonst unser Skatblock liegt, hält inne und tippt dann mit schiefem Lächeln etwas in sein Notebook. »Als Mail.« Wer sich als Leser fragt, wie die Raumschiffe aus der Rhodan-Serie eigentlich aussehen, kann neben Romanheft-Covern und Risszeichnungen auch das Internet bemühen. Hier findet er auf den verschiedensten Webseiten Grafiken, Konstruktionsskizzen und Modelldarstellungen. Aber selbst eine penibel gestaltete Risszeichnung wird er sich stets nur anschauen können, drin herumlaufen kann er natürlich nicht.
Schade eigentlich, denn mit den vielfältigen Möglichkeiten aktueller Grafik- und Animationssoftware sollte doch auch so etwas realisierbar sein. Fand jedenfalls Kurt Neubauer und initiierte ein entsprechendes Projekt mit dem Ziel, Besuchern seiner Seite den Rundgang durch eine virtuelle Space-Jet zu ermöglichen.
Dass die Wahl ausgerechnet auf den (zumindest in der Urform) aus der Frühzeit der Serie stammenden und noch immer in diversen Missionen und Einsätzen als Transportmittel dienenden Diskus fiel, liegt nicht nur an der auch in der übrigen SF häufig auftauchenden »klassischen Grundform«, die als »fliegende Untertasse« eigentlich schon Bestandteil moderner Mythen geworden ist - man denke nur an die verschiedensten UFO-Sichtungen. Kurt ließ sich dabei auch von den alten ORION-Filmen inspirieren (noch ein Diskus!), und last but not least schien die Space-Jet für das Projekt gerade die richtigen Dimensionen zu haben: nicht zu klein, wie es z.B. ein Raumjäger gewesen wäre, aber auch nicht so groß wie ein Kugelraumer.
Darüber hinaus soll die virtuelle Space-Jet nur als Einstieg in weit Größeres dienen. Wenn alles klappt, so die Vorstellung von Kurt, kann man damit irgendwann tatsächlich virtuelle Schauplätze im Perryversum ansteuern. Und dann muss das Schiff natürlich über die erforderlichen Reichweiten verfügen. Und auch ganz banale technische Überlegungen spielten eine Rolle, etwa Ladezeiten und Objektgrößen. Denn trotz ständiger Neuerungen ist die moderne Datenautobahn auf manchem Teilstück doch immer noch eine arge Holperstrecke.
Schon jetzt ist es ein Erlebnis, durch die verschiedenen Räume und Bereiche der virtuellen Space-Jet zu wandern. Für die Zukunft sind aber noch einige Erweiterungen geplant. So sollen bisher noch nicht begehbare Sektionen hinzugefügt, die Kommunikations- und Interaktionsmöglichkeiten erweitert und mehr Sound eingebaut werden. Auch eine Besatzung ist in Planung, der der Besucher dann - per Random-Funktion gesteuert - während seiner Besichtigungstour begegnen könnte.
Den meisten Spaß hatte Kurt beim Modellieren der Details (»Ich bin halt ein alter 3D-Freak«, gesteht er). Doch auch das Erstellen der Texturen war oft mehr als nur unterhaltsam, vor allem, weil Kurt dabei gerne auf Vorlagen aus dem »real life« zurückgriff. »Wenn ich in der Stadt nicht die üblichen Sehenswürdigkeiten, sondern stattdessen Kanalgitter und andere interessante Oberflächen in Nahaufnahme fotografiert habe«, erinnert er sich, »dann haben die Passanten mehr als einmal verwundert den Kopf geschüttelt.« Und manches Motiv findet man an Stellen, an denen man es gar nicht vermutet hat. »Das Grundmaterial für die Kabine«, verrät Kurt, »lieferte mir die Unterseite eines Metallaschenbechers in einem Cafe.«
Doch die Orientierung am wirklich Vorhandenen lohnt sich seiner Überzeugung nach, weil dadurch die Grafiken komplexer und realistischer wirken.
All das ließ und lässt sich natürlich nur mit riesigem Arbeitsaufwand umsetzen. Begonnen wurde mit einem richtigen Storyboard, mit Filzstift auf einem großen Bogen Papier gemalt. Auch die ersten Skizzen wurden zunächst von Hand und mit dem Bleistift erstellt, ehe mit dem »Picture Publisher« der Firma Micrografx die Entwürfe am Rechner folgten. Von der Space-Jet wurde mit »3Dmax« ein Drahtgittermodell konstruiert, dann kamen die Texturen an die Reihe.
Die nicht animierten Grafiken wurden dann im Format 300x400 Pixel gerendert. Die dynamischen Sequenzen hingegen wurden, um die Ladezeiten kurz zu halten, im Format 120x180 erstellt und dann in Flash importiert.
Insgesamt haben Kurt und vier Mitarbeiter bisher an dem Projekt gearbeitet. Da das alles unter »Hobby & Freizeit« läuft und auch finanzielle Belastungen mit sich bringt - so wurden z.B. die erforderlichen Lizenzen für die eingesetzte Grafiksoftware privat erworben -, hängt die Fortentwicklung des Projektes zu einem guten Teil auch davon ab, ob sich weitere PR-Fans einbringen wollen. Wer Lust und Interesse hat, kann sich mit Kurt einfach via Mail (
corinne@telering.at) in Verbindung setzen.
Animax besuchen:
Die »virtuelle Space-Jet« findet ihr im Web unter
http://www.animax.at/; hier im unteren Bildschirmbereich die Maus auf die zweite Kugel von rechts bewegen (»Projekt Perry Rhodan«) und diese anklicken. Zusätzlich bietet die Seite diverse Texturen und andere Grafik-Goodies zum Download an.
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