22. Mai 2006
Wir Rhodanauten haben es wohl alle begriffen: »Aus der Vergangenheit fürs Heute lernen, um die Zukunft zu gestalten«. In unserer Serie gibt es mannigfaltige Manifestationen dazu. Aber wie sieht es denn im Umgang mit diesem Postulat in unserer eigenen Welt aus? Die Altvorderen unter uns sind mit vielen Gegebenheiten aufgewachsen, die die heutigen Kids entweder nicht mehr kennen oder Nutznießer dessen sind, was wir Altvorderen bewegt und verändert haben. Ein Beispiel jüngster Geschichte ist die DDR. Nach 1989 Geborene wissen nur allzu oft nichts oder nur sehr wenig über diesen zweiten, deutschen Staat. Antworten wie »Das war ein Staat von Rußland« oder noch schlimmer »Das sind doch die Dinger im Computer« (gemeint sind DDR-RAM) spiegeln eine erschreckende Unwissenheit wieder. Ich habe mal ein wenig durch Literatur und filmische Dokumentation gestöbert und würde Euch gern ein paar wirklich feine Sachen dazu ans Herz legen.
Wohl jede politische Gruppierung in diesem unserem Lande hat zur Geschichte der DDR ihren eigenen und entsprechend gefärbten Senf in irgendeiner Form zum Besten gegeben. Politologen, Soziologen, Historiker veröffentlichten dazu Sachliches, Fundiertes und sicherlich auch Agitatorisches. Ich begebe mich in dieser Kolumne eher auf die Suche nach Persönlichem, Betrachtendem, subjektiv Literarischem und Unkommentiertem. Warum? Nun, ich habe die DDR in der Zeit zwischen 1970 und 1989 regelmäßig besucht. Zuerst wurden die Verwandten heimgesucht, dann Freunde und zuguterletzt führte mich mein Job als Korrespondent dorthin. So maße ich mir an, ganz nach eigenem Gusto - aber sicherlich zu jedermanns Vergnügen - eine etwas andere Geschichtsaufarbeitung anzubieten.
Machen wir doch gleich den Anfang mit dem Roman von Erika Riemann
Die Schleife an Stalins Bart: Sommer 1945 im thüringischen Mühlhausen: Erika Riemann ist vierzehn Jahre alt, als sie eines Tages mit ein paar anderen Jugendlichen ihre gerade wieder hergerichtete Schule besichtigt. Ihr Blick fällt auf ein Stalin-Bild genau an jener Stelle, an der bis vor kurzem ein Hitler-Porträt hing. »Mit dem Spruch ‚Du siehst ja ziemlich traurig aus'«, schreibt sie, »trat ich an das Bild heran und malte mit dem Lippenstift eine kecke Schleife um den Schnauzbart.« Jemand muß sie verpfiffen haben, denn schon kurze Zeit später beginnt für Erika Riemann eine achtjährige Odyssee durch ostdeutsche Zuchthäuser und Lager mit Stationen wie Bautzen, Sachsenhausen und Hoheneck. Was es für sie bedeutete, eine ganze Jugend hinter Mauern zu verbringen, Prügel, Schikane, Hunger und Depression durchzustehen und nach der Entlassung zutiefst traumatisiert im bundesdeutschen Wirtschaftswunder ihre Frau zu stehen - darüber kann sie erst heute, fünfzig Jahre später, berichten. Fünfzig Jahre hat sie gebraucht, um ihre Nachkriegsjahre zu verarbeiten.
Eine andere Art der Vergangenheitsbewältigung findet in dem Buch
Wir wollen immer artig sein ... statt, deren Herausgeber Ronald Galenza und Heinz Havemeister sich mit der Kulturgeschichte der Punks, New Waver und der Independent-Szene in der DDR zwischen 1980 und 1990 beschäftigt haben. Dieses Buch ist die erste umfangreiche Darstellung der jungen, unabhängigen Musikszene in der DDR seit Ende der siebziger Jahre. Es beschreibt die regional unterschiedlichen Anfänge und Entwicklungen von Punk-Rock und Untergrund in der DDR, die Entstehungsbedingungen und die kulturellen Wurzeln, so die Avantgarde- und Free-Jazz-Szene, die Blues-Messen und den Alternativ-Rock. Es war der Aufbruch einer neuen Musikergeneration jenseits des staatlich verordneten und kontrollierten Rock-Mainstreams und des FDJ-Kulturbetriebes. Im Gegensatz zur vorangegangenen Künstlergeneration hatten sich diese Künstler ideell und künstlerisch von der DDR verabschiedet und ihre eigenen, persönlichen Haltungen und Ansichten formuliert. So entwickelte sich in dieser größtenteils nur Insidern zugänglichen Szene ein neues ästhetisches und politisches Selbstverständnis. Eine Auflistung der Inhalte würde wirklich den Rahmen sprengen, deshalb hier nur eine Auswahl der Themen: Punk, Provokation, Paranoia und Parties; der DDR-Underground in Berlin, Leipzig, Dresden, Chemnitz (Karl-Marx-Stadt) und in Thüringen; Stasi, Spaß und E-Gitarren; HipHop in der DDR; Bislang unveröffentlichte Fotos, Typoskripte, Handzettel, Rocktexte, Cover u.a. Materialien und eine umfangreiche Disko- und Kassettografie, sowie ein Literaturverzeichnis.
Apropos, da wir gerade bei Musike sind,
Bye bye, Lübben City ist ein Buch, herausgegeben von Michael Rauhut und Thomas Kochan, das in vierzig Beiträgen ein Bild einer »unruhevollen Jugend« in der DDR zeichnet. Namhafte Publizisten, Musiker, Alltagsforscher und Szene-Aktivisten berichten aus unterschiedlichen Perspektiven über historische Entwicklungslinien, einschneidende Ereignisse und den Stoff, aus dem Träume gemacht sind. Denn Lübben hat genauso wenig eine City wie Hintertupfingen und Kleinkleckersdorf. Es ist ein verschlafenes Nest im Brandenburgischen, fernab vom Schuß - ein Ort, wo der Blues lauert. »Bye bye, Lübben City«, die Hymne der ostdeutschen Langhaarigen-Szene, erklärt diese Stadt zum Synonym für den grauen, tristen Alltag in der DDR. Wer waren die Jesuslatschen, Fleischerhemden und den obligatorischen Shelli tragenden »Kunden« oder »Blueser«? Die, die an den Wochenenden ständig auf Achse waren. Ausgedehnte Tramptouren kreuz und quer durch den Osten unternahmen und in abgeschiedenen Dorfsälen ihre Happenings mit Love & Peace & Suff aborgelten. Ihr Leitbild blieben bis in die achtziger Jahre die Ideale der Hippie-Bewegung, der Geist von Woodstock.»Bye bye, Lübben City« ist ein Nachschlagewerk und vortrefflich illustriertes Erinnerungsbuch: deftig, bunt und ehrlich. Wie die Szene selbst.
Bunt und für Wessis etwas gewöhnungsbedürftig war auch der Sprachgebrauch in der DDR. In
Vorwärts und nichts vergessen beleuchten 29 AutorenINNen aus Ost und West auf kurzweilige und anschauliche Weise, wie zwischen Ostsee und Erzgebirge gesprochen wurde - im Arbeitsleben, in Hausgemeinschaften, in Jugendcliquen und in der Politik. Sie untersuchen öffentliche Reden, Leserbriefe an das "Neue Deutschland", Varianten der DDR-Verfassung sowie die Kommunikation in der ersten frei gewählten Volkskammer und am Zentralen Runden Tisch. Was war eine »Eingabe« oder gar ein »Muttiheft«? Wer schrieb zu welchem Zweck »Brigadetagebücher«? Sie erklären Wendungen und Begriffe, die im Alltag bis heute gebraucht werden bzw. in der Literatur und in Spielfilmen wieder aufleben. Helfen Wörterbücher, wenn Ost- und Westdeutsche sich nicht verstehen? Der Anhang dokumentiert mündliche Rede, Eingaben, Beurteilungen, Lieder und Auszüge aus Brigadetagebüchern.
So, liebe Freunde, jetzt macht Euch noch eine schöne Rotplombe zum Nachtisch oder haut Euch ein paar Kim-Eier in die Pfanne. Auf jeden Fall aber viel Spaß beim Schmökern oder schauen.