2. Oktober 2006
Der beinharte SF’ler sei gewarnt, hier geht es nicht um SF oder Fantasy - also nix für die Hardcore-Seele, die SF für die einzig lesbare Literaturgattung hält. Dem weltoffenen Rhodanauten mag ich allerdings hier fortfolgend ein paar köstliche Schmöker ans Herz legen: Vergnüglich, nachdenklich, nostalgisch. Die Auswahl ist willkürlich und nur durch persönlichen Geschmack bestimmt.
»I Hate Myself And Want To Die«Springen wir doch gleich in die Vollen. »I Hate Myself And Want To Die« von Tom Reynolds ist das erste Schmankerl, das sich über die deprimierendsten Songs aller Zeiten ausläßt. Dies hört sich zunächst nach populärwissenschaftlicher Analyse für angehende Linguisten an oder noch schlimmer, nach der Lektüre dieses Buches such’ ich mir ein Fensterkreuz. Ha, liebe Leute, ist aber nicht. Ich habe beim Verschlingen dieses Buches Tränen gelacht. Mr. Reynolds nimmt mit bitterbösem Sarkasmus seine persönlichen Highlights auseinander. Da bleibt wirklich kein Auge trocken.
Aber Hallo? War hier nicht die Rede von depri, traurig und so? Dieses Buch handelt aber nicht nur von traurigen Songs, sondern von deprimierenden, und das ist ein gewaltiger Unterschied. Von Songs, die die Laune in den Keller sacken lassen, egal wie gut man sich gerade noch gefühlt hat. Autor Tom Reynolds hat ein Jahr mit der leidvollen Aufgabe zugebracht, die deprimierendsten Lieder von Bands aus mehreren Jahrzehnten zu durchforsten. Das Ergebnis dieser latent selbstzerstörerischen Tätigkeit ist nun in diesem Buch dokumentiert.
Hier sind 52 Lieder versammelt, von Pink Floyd bis hin zu Metallica. Manche Songs waren Nummer-eins-Hits, wie Mariah Careys pathetische Cover-Version von »Without You«, andere wiederum sind Kulthits, die den Mainstream nie erreicht haben. Ob es um Einsamkeit geht, um Drogen oder kaputte Beziehungen - diese Songs ziehen einen garantiert runter!
Gut findet Reynolds das nicht unbedingt. Er unterteilt die ausgewählten Songs in repräsentative Kategorien wie »Teenieleiden«, »Ich hasse sie und sie hasst mich« oder »Noch deprimierendere Remakes von Songs, die vorher schon deprimierend waren«, zu denen er das Mariah-Carey-Lied zählt. Bei jedem Lied forscht Reynolds zunächst danach, warum es eine derart deprimierende Wirkung hat. Liegt es an den Umständen ihres Entstehens, an morbiden Moll-Melodien oder herzzerreißenden Texten? Reynolds stützt sich bei seinen Analysen auf prägnante Liedzeilen. Er trifft bei seinen Beobachtungen jedes Mal den Nagel auf den Kopf, und zwar auf eine so gewitzte und urkomische Weise, daß man garantiert laut loslachen muß. Was nicht heißen soll, daß dem Leser das Lachen zwischendurch nicht auch im Halse stecken bleiben kann.
»Meine Freunde, die Stars«Ein nostalgischer Augenschmaus ist der nächste Wälzer, der locker 1,8 Kilo auf die Waage bringt: »Meine Freunde, die Stars« von Lothar Winkler ist ein opulenter Bildband im Großformat. Die Youngster unter uns werden sich jetzt natürlich fragen »Who the f…ck ist Winkler?« Zehn Jahre lang bestimmte Lothar Winkler die Optik von Bravo - von der zweiten Hälfte der fünfziger bis zur Mitte der sechziger Jahre.
Bravo? Haben wir die nicht alle gelesen? Begierig die Neuigkeiten über unsere Lieblingsstars aufgesogen und den Bravo-Starschnitt an die Wand geleimt? In den fünfziger und sechziger Jahren war die Jugendzeitschrift, die am 26. August 2006 ihren 50. Geburtstag feierte, einmalig und konkurrenzlos. Alles, was man über James Dean und Peter Kraus, Marilyn Monroe und Brigitte Bardot, Conny Froboess und Heidi Brühl wissen zu müssen glaubte - im Zentralorgan der Backfische und Halbwüchsigen Deutschlands war es mit großer Ernsthaftigkeit und noch größerer Phantasie aufgezeichnet. Und vor allem: mit Fotos dokumentiert.
Der Mann, der der Bravo ihr Gesicht gab, hieß Lothar Winkler. Er war - auch wenn noch niemand in Nachkriegsdeutschland den Begriff kannte - der »Celebrity«-Fotograf schlechthin - der ungekrönte König des Starjournalismus, Portraitist der Schönen, Angehimmelten und Noch-nicht-ganz-so-Reichen, ein deutscher Richard Avedon der Wirtschaftswunderjahre. Lothar Winkler war allgegenwärtig. Der Durchbruch gelang ihm, als er für Bravo eine Serie über den 50er-Jahre-Superstar Caterina Valente (»Malaguena«) verfaßte - sensationelle Fotos inklusive. Seinen Erfolg besiegelte er, als ihm das gleiche Kunststück mit Freddy Quinn gelang, damals Deutschlands Gesangsstar Nr. 1 (»Junge, komm bald wieder«). Von da an umgab ihn die Aura, Haus- und Hoffotograf der Starprominenz zu sein.
Tatsächlich gibt es wohl kaum einen deutschen Schauspieler von Rang, den Lothar Winkler nicht vor der Kamera hatte. Auch internationale Top-Stars wie John Wayne, Kirk Douglas, Jayne Mansfield, Claudia Cardinale oder Claudine Auger fühlten sich geschmeichelt, wenn Lothar Winkler das Objektiv auf sie richtete. Von ihm fotografiert zu werden, das bedeutete allerfeinste Publicity. Seine Fotos erschienen in Life, Paris Match und im Hollywood Reporter - Lothar Winkler zählte zu den internationalen Spitzenfotografen. Lothar Winkler starb am 26. Oktober 2000 im Alter von 73 Jahren. Seine Bilder bleiben unvergessen.
»Wie Frauen ticken«Beim nächsten Buch habe ich lange überlegt, ob ich es in diese Kolumne aufnehmen sollte. Es geht um Frauen! Also Vorsicht, im Buch »Wie Frauen ticken« geht es auch um Sex. Aber nicht nur, es geht eigentlich um ein grundlegendes Verständnis in der Beziehung zwischen Mann und Frau. Die Autoren Hauke Brost & Marie Theres Kroetz-Relin haben hier aber keine minuziöse Anleitung für »in 7 Tagen zum Frauenflüsterer« erstellt. Wie gesagt, ein Buch zum besseren, gegenseitigen Verständnis und kein Leitfaden für Machismo zum Mädelaufreißen. Die Sprache des Buches ist offen und schonungslos, baut keine neuen Barrieren auf und nennt die Dinge so wie sie sind. Dennoch immer noch so charmant, daß der Lacher mir fast immer im Hals stecken geblieben ist, ohne mich zu verletzen.
Die insgesamt 150 Themen reichen von »Die Frau und das Kennenlernen« (»Wann darf ich sie anrufen?«) über »Die Frau und die Liebe« (»Warum fallen so viele Frauen auf Arschlöcher rein?«) bis hin zur Trennung (»Warum wird sie nach der Scheidung zur Furie?«). Dabei geht es um den Alltag (»Warum begreift sie nicht, daß es mein Rasierer ist?«), um Schönheit (»Warum geht sie so gerne shoppen?«), um die komplizierte Psyche der Frau (»Warum gibt sie ihrem Auto einen Namen?«) und um ihre Geheimnisse (»Warum geht sie immer zu zweit aufs Klo?«). Aber vor allem geht es um Sex! Männer werden u.a. erfahren, wie Sperma schmeckt, was die Frau von Analsex hält, wie sie den Weg zum G-Point beschreibt, an wen sie beim Sex wirklich denkt und wie sich ihr Orgasmus anfühlt.
»Wir wollten Tabus brechen und die Sprachlosigkeit zwischen Mann und Frau überwinden«, sagt Marie Theres Kroetz-Relin, die selbst Mutter von drei Kindern ist und sich kürzlich von ihrem Mann Franz Xaver Kroetz getrennt hat. »Wir haben Frauen zum Reden gebracht, die normalerweise schon bei solchen Fragen schamrot werden«, sagt Hauke Brost, der vier Kinder hat und dreimal geschieden ist. »Ganz normale Frauen von der jungen Mutter bis zur Managerin, von der Aldi-Kassiererin über die Germanistik-Studentin bis hin zur Rentnerin mit 40-jähriger Ehe-Erfahrung.«
Die Interviews wurden in kleinen Gesprächsrunden in Hamburg, München, Halle (Saale) und Dresden sowie im Internet geführt.
Nach der Lektüre dieses Buches habe ich mich erstmal in eine stille Ecke verzogen, über die vielen verpatzten Augenblicke nachgedacht und habe begriffen, warum ich die Liebe meines Lebens verloren habe.