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11. Mai 2007

Die Ehrenrettung der Mini-Serie

»Mini-Serien«, damit sind Produktionen gemeint, die höchstens in zwei Staffeln laufen oder in drei bis vier Folgen ein furioses Ende nehmen. Die meisten dieser Serien sind so banal, daß man diese auch recht rasch wieder aus dem Gedächtnis streichen kann. Aber es gibt sie, die berühmten Ausnahmen. Und die habe ich mal unter die Lupe genommen. Nachdem bereits die begnadeten Serien »Catweezle«, »Robin Hood« und »Nummer 6« endlich komplett auf DVD erschienen sind, kommt nun ein weiter Knaller aus der Vergangenheit zu neuen Ehren: »Kara Ben Nemsi«! Genau, die Altvorderen erinnern sich an die legendäre Karl May Fernsehserie aus den Siebzigern.

Kara Ben Nemsi
1973 startete das ZDF die wirklich liebevoll und aufwendige Eigenproduktion »Kara Ben Nemsi«. Ausgelegt auf zwei Staffeln mit jeweils 13 Folgen a´ 25 Minuten lief der »Straßenfeger» bis Ende 1974 und brachte der Nation die Verfilmung des »Schut« in die heimischen Wohnzimmer.

Hatte die erste Staffel schon sagenhafte 1,7 Millionen DM verschlungen, so gab man für die zweite Staffel bereits 2,5 Millionen DM aus, ein zu dieser Zeit unglaublicher Preis, denn vergleichbare Serien kosteten damals knapp die Hälfte. Belohnt wurde das Fernsehpublikum mit authentischen Drehorten und opulentem Augenschmaus, sowie einer unglaublichen Liebe zum Detail.

In der Hauptrolle des Karl May Avatar brilliert Karl Michael Vogler, dem Heinz Schubert als Hadschi Halef Omar zur Seite steht. Schubert, den meisten von Euch eher als »Ekel Alfred« aus Menges »Ein Herz und eine Seele« bekannt, liefert schauspielerische Glanzleistung und vermag so der ergänzenden Rolle des Hadsch eine weitere Hauptrolle abzutrotzen.

Aber auch andere bekannte Stars dieser Ära gaben sich die Ehre. So sind unter anderen auch Dieter Hallervorden, Günther Lambrecht und Gert Baltus in netten Nebenrollen zu sehen. Doch der unbestrittene Star war Karl Michael Vogler, den einige von Euch vielleicht noch aus einer anderen Miniserie namens »Alpha Alpha« kennen. Diese Science-Fiction-Serie, deren »Stoff« doch sehr an die spätere Kultserie »Akte X« gemahnt, lief bereits 1972 in 13 Episoden. Leider ohne viel Erfolg, denn die Zeit für derartige Unterhaltung war einfach noch nicht reif und das deutsche Fernsehpublikum neigte eher zu konservativen Sehgewohnheiten. Dennoch wurde diese Serie in Fachkreisen hochgelobt und für den Kammerschauspieler Karl Michael Vogler die Eintrittskarte in die Actiondarstellung.

Vogler selbst hatte in seiner Jugend die Orientromane Karl Mays verschlungen und brachte seine Vorstellungen gemeinsam mit dem Freund und Regisseur Günter Gräwert in eine Form von Erwachsenenunterhaltung, der bis dato doch eher kinder- und jugendgerechten Verfilmungen des reichhaltigen Karl May Fundus.

Die Musik zu dieser Serie lieferte natürlich Martin Böttcher, der schon in den Sechzigern für die musikalische Untermalung der großen Karl May Kinofilme sorgte. Auch Böttcher verließ mit dieser Serie ausgetretene Pfade tonaler Filmergänzung. Allein die Titelmelodie und der Abspann sind auch heute noch ein magisches Stück Musik, daß für sich allein steht und durchaus mit aktueller Tonsetzung konkurrieren kann. Die gesamte Serienmusik gibt es dann auch auf einer Extra-CD als Bonus in der Box der zweiten Staffel dazu. Ich habe mir beide Staffeln an einem Wochenende glänzenden Auges gegeben und war auch heute noch begeistert.

Marco Polo
Obwohl die nächsten beiden Mini-Serien aus jüngerer Vergangenheit stammen, müssen wir dennoch einen Zeitsturz ins ausgehende Mittelalter, resp. in die beginnende Zeit der Aufklärung machen. Also hinein ins ausgehende Mittelalter und bei Marco Polo (etwa 1254 bis 1324) halt gemacht. Die schon legendäre Weihnachtsserie »Marco Polo« aus den Achtzigern, die von der italienischen RAI in Auftrag gegeben wurde, wurde mit großem Aufwand an Originalschauplätzen gedreht und gilt als beste Verfilmung der historischen Aufzeichnungen einer angeblich 20 Jahre währenden Reise in den Fernen Osten.

In vier Folgen kann der geneigte Zuschauer den venezianischen Kaufmannssohn auf eben diesen durch damals unvorstellbare Kulturen begleiten. Nun gut, inwieweit die Berichte Polos wirklich authentisch und Eigenerleben waren, darüber streiten sich auch heute noch gelehrte Häupter, doch wurde durch diese Schriften unbestreitbar ein wahrer Forschungs- und Entdeckungsboom ausgelöst. Aber es geht bei dieser Serie nicht um eine Beweisführung historisch überlieferter Begebenheiten, sondern um die getreue Umsetzung der literarischen Vorlage.

Wer allerdings auf knallharte Action aus ist, der sollte lieber kein Auge in diese Serie werfen. In der Tat besticht diese Produktion durch die äußerst opulente Bildgewalt der Originalschauplätze und ebenso durch lange Einstellungen kultureller Eigenheiten der jeweiligen Völker. Ähnlich wie bei »Der mit dem Wolf tanzt« werden Landschaften und Riten selbst zu bestimmenden Hauptdarstellern, ohne daß dabei auch nur ein Hauch Langeweile aufkommt.

Die Star-Besetzung, zu der unter anderen Burt Lancaster, Leonard Nimoy, Mario Adorf und Anne Bancroft zählen, erinnern denn auch mehr an großartiges Kino, denn an Couchpotatoes-Unterhaltung. Marco Polo selbst wird von Ken Marshall (»Krull«) glaubhaft gegeben. Marshall vermag es gekonnt den teils naiven, grundehrlichen Polo so positiv zu spielen, daß selbst der Zuschauer wie mit Kinderaugen die »neuen Welten« zu betrachten vermag. Und noch einmal, es ist wirklich episches Kino, das hier geboten wird. Und wenn ich von Originalschauplätzen spreche, meine ich auch wirklich Italien, Marokko, Nepal und China. Schon allein diese Tatsachen machen die Serie, die im Übrigen mit dem TV-Oscar »Emmy« ausgezeichnet wurde, empfehlenswert. Abgerundet wird das Ganze mit einem exzellenten Soundtrack von Ennio Morricone. Alle vier Episoden kommen auf 4 DVDs mit Bonusmaterial (u. a. über 75 Minuten geschnittene Szenen).

Christopher Columbus
Fast einhundert Jahre später machte ein Mann von sich reden, der sich auf die Aufzeichnungen des Marco Polo berief und einen sicheren Seeweg in Richtung Westen nach Indien suchen wollte: Christopher Columbus. Der Genuese fand für diesen Plan schließlich nach langen Irrungen und Wirrungen das spanische Königshaus, das diesen »Wahnsinn« unterstützte. Der Rest ist Geschichte und ein Stoff, der zahllos verfilmt wurde.

Bei dieser Produktion, ebenfalls von RAI in Auftrag gegeben, handelt es sich meiner Meinung nach um die beste Umsetzung der historischen Gegebenheiten. Die Mini-Serie lief 1985 ebenfalls als dreiteiliger Weihnachtsfetzer im deutschen Fernsehen. Hier nun auf Doppel-DVD mit einer Laufzeit von 295 Minuten. Nun, was macht gerade diesen Dreiteiler zur besten Umsetzung des Stoffes Columbus?

Anders als bei einem neunzigminütigem Kinofilm, der ob der Kürze meist nur an der Oberfläche eines Handlungsstrangs kratzen kann, sind bei dieser Produktion sehr detaillierte Schilderungen aller Geschehnisse vor und nach der Entdeckung einer Insel (die er San Salvador nannte) vor der Küste Amerikas bildreich und wortgewaltig bestimmende Handlung. Es ist die gesamte Lebensgeschichte des Entdeckers, die hier aufgearbeitet wird. Und es sind eben diese Lebensumstände, diese Nachzeichnung seiner Verzweiflung, seines Triumphes und der ihm entgegengebrachten Mißachtung ob seiner gewaltigen Entdeckung, die diese Serie zu einem reifen Schauspiel werden läßt. Und es sind auch nicht zuletzt die Leistungen der Schauspieler Gabriel Byrne, Oliver Reed, Max von Sydow und Faye Dunaway, die diesem Epos mehr Glaubwürdigkeit verleihen als »1492 - Die Eroberung des Paradieses«, denn Opulenz und Farbenpracht in Mantel und Degen-Manier sind halt nicht alles und machen flache Dialoge durchaus nicht wett.

Hier allerdings konnte man ob des Faktors Zeit wesentlich mehr und tiefer auf das Leben Columbus‘ eingehen und (dies fiel mir auch schon bei »Marco Polo« auf) auf die doch nicht ganz unbeträchtliche Rolle der katholischen Kirche als übergroßer Hemmschuh nicht nur in Sachen Forschung und Wissenschaft. Nein, sie kommt wirklich nicht gut weg, diese Kirche (die es übrigens erst dieser Tage geschafft hat, daß die »Vorhölle« nun kein Bestandteil der katholischen Glaubenslehre mehr ist) mit ihrer konservativen Ignoranz, die zu dieser Zeit zudem alle Nichtgläubigen als nichtintelligente Tiere betrachtete und Widersprechenden als Ketzer dem Scheiterhaufen überließ. Und so kommt es denn auch zum Eklat, als der extra mitgereiste Vertreter der katholischen Kirche - ein ex-Inquisitor! - der neu entdeckten, hochstehenden Eingeborenenkultur nicht mehr als tierisches Dahinvegetieren zubilligt und eine Christianisierung derartiger Tiere für blasphemisch erklärt.

Zudem erfahren wir in beiden Serien, daß nach katholischer Lehrmeinung alles, was nicht in der Bibel steht, nicht existiert oder aber tatsächlich nur der Limbus (Vorhölle) sein könne. Und auch die hehren Kreuzritter bekommen ihr Fett weg. Keine edelmütigen Recken, die das Gelobte Land befrieden wollen, sondern verrohte Marodeure und Schlächter im Auftrag des jeweiligen Papstes. Und auch der spanische Adel spielt bei Columbus eine eher klägliche Rolle. So sind die »Hidalgos» (junge Adlige) beileibe kein Hort von Intelligenz und sozialverträglichem Verhaltens. Ja, es ist wirklich nicht alles Gold, was hier so glänzet.

Aber alle DVDs glänzen in schönem Silberschein und sind von mir uneingeschränkt zu empfehlen. Wer also mit »Kalle« Ben Nemsi demnächst durch die Wüste reiten, Marco Polo auf seinen Reisen begleiten und mit Christoph Columbus in See stechen will, dem wünsche ich gepflegte Unterhaltung mit der Vergangenheit und der Geschichte unseres blauen Juwels.