In einem merkwürdig wirkenden viktorianischen England geschehen Ende des 19. Jahrhunderts seltsame Dinge: Das riesige Unterseeboot des indischen Kapitäns Nemo schwimmt die Themse hinauf. Der Abenteurer Allan Quatermain, der die »Lost World« im Herzen Südamerikas gefunden hat, ist im Auftrag einer geheimnisvollen Lady unterwegs. Und Dr. Henry Jekyll, der sich wirklich gelegentlich in Mr. Hyde verwandelt, gehört ebenfalls zu dem überraschenden Kommando, das als »The League of the Extraordinary Gentlemen« bekannt ist.

Wem diese Namen bekannt vorkommen, hat entweder in den letzten Wochen und Monaten die Vorschau im Kino besonders genau angeschaut oder kennt sich mit Hauptpersonen der fantastischen Literatur zumindest einigermaßen aus. Die Rede ist von einem Comic-Erfolg, der jetzt ins Kino kommt, die Rede ist von »The League of the Extraordinary Gentlemen«.
Ich habe den Comic gelesen, fand ihn höchst unterhaltsam, und ich bin jetzt darauf gespannt, was in der Kino-Verfilmung mit Sean Connery aus dem Stoff gemacht wurde - die Vorschau wirkt auf jeden Fall interessant genug. Doch erst einmal zurück zum Comic.

Als Autor wirkte Alan Moore, der in den letzten zwanzig Jahren durch zahlreiche Comics auf sich aufmerksam machte und als einer der großen Erneuerer des Gernes gilt. Er schrieb unter anderem die »Watchmen«, und zuletzt sorgte er mit dem verfilmten Comic »From Hell« für Aufsehen. Der Autor ist ein Garant für bizarre Ideen, und das merkt man auch dem vorliegenden Comic an - seine Ideen ziehen sich durch das gesamte Album und wirken häufig auf doppelte Weise: Man versteht sie erst, wenn man die betreffende Szene ein zweites Mal liest.
Der Zeichner Kevin O'Neill, dessen Name mir bislang nichts sagte, schafft es zum Ausgleich, ein besonders dichtes Bild des Pseudo-Englands zu erschaffen, das als Hintergrund dient. Gigantische Maschinen und titanische Denkmäler auf der einen Seite, düstere Straßen und eine zutiefst moralische Gesellschaft auf der anderen Seite - der Zeichner bringt dies immer wieder in teilweise sehr kühlen Bildern zur Geltung. Sein Stil ist nicht innovativ, aber er ist in jeder Beziehung der Geschichte angepasst.
Das farbige Album ist beim kleinen Verlag
Speed Comics erschienen, kostet stolze 20,00 Euro und ist vor allem jenen Lesern zu empfehlen, die sich schon mit Comics auskennen, die eine gewisse Freude daran haben, die verschiedenen Ebenen der Geschichte zu durchleuchten und so ein doppeltes Vergnügen zu erzielen. Auf den Abdruck der illustrierten Erzählung »Allan und der geteilte Schleier« hätte der Verlag allerdings verzichten können: Wer ein solches Album kauft, möchte Alan Moore als Comic-Autor erleben und nicht darüber hinaus eine »allgemeine« Geschichte des Meisters konsumieren.