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Kurzinfo
4. August 2004

Großartiges »Geschichtsgeschichtenbuch«

Es ist über 400 Seiten stark, es ist reich bebildert, es steckt bis zum Rand voll mit allerlei Fakten, und ich habe immer mal wieder darin gelesen, bis ich es endlich durchhatte. Die Rede ist von dem unglaublich guten und zugleich unterhaltsamen Sachbuch  »Sun Koh - Der Erbe von Atlantis und andere deutsche Supermänner« . Das Buch wurde von Heinz J. Galle geschrieben, dem unangefochtenen Experten für den deutschsprachigen Trivial- und Unterhaltungsroman der Vorkriegszeit, und es erschien im kleinen, aber feinen Schweizer Verlag  SSI.

Heutzutage sind Serien wie »Sun Koh« und Autoren wie Paul Alfred Müller alias Lok Myler alias Freder van Holk aus dem Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit so gut wie verschwunden, schreiben nur noch Experten wie Heinz J. Galle über sie. Dabei haben der heldenhafte, bronzefarbene »König von Atlantis« und sein Autor die Lesegewohnheiten der Deutschen zwischen den zwei Weltkriegen in besonderem Maße geprägt.

»Sun Koh« wurde mehrfach aufgelegt, wurde in der Nazi-Zeit in »besonderer« Art auf den Markt gebracht und kam zuletzt Ende der 70er bis Anfang der 80er Jahre im Taschenbuchformat auf den Markt. Der Serienheld erlebte in dieser Serie seine Abenteuer in aller Welt, stets mit fantastischen Elementen angereichert. Pyramiden unter dem Meer, Hologramm-Projektionen, Telepathie, Raumfahrt, die Vorgeschichte der Menschheit und das Geheimnis des untergegangenen Kontinents Atlantis – in den insgesamt 150 Romanen der Serie wurden sehr viele Themen angerissen, die zu jener Zeit die Gedanken der Menschen beschäftigten und die bis heute zum »Kanon« der Science Fiction gehören.

Fast schon ein bisschen amüsant muten heutigen Lesern allerdings die Gedanken an, die der Autor zu Hohlwelt-Theorie entwickelte. Mit einigem Fanatismus verfolgte Müller diese Ideen und versuchte sie nicht nur in seinen Romanen zu propagieren, bemerkte aber viel zu spät, wie er sich damit auf ein mehr als seltsames Gleis begab. Die Hohlwelt-Theorie hat wahrscheinlich – ebenso wie die angebliche Nazi-Ideologie der Serie – maßgeblich dazu beigetragen, dass Autor und Werk heute so weit in Vergessenheit geraten sind.

Immerhin gehörte Paul Alfred Müller zu jenen, die im Jahr 1961 in Frage kamen, als  Karl-Herbert Scheer und  Walter Ernsting alias  Clark Darlton mit ihrer Arbeit an der PERRY RHODAN-Serie begannen. Wie mehrfach berichtet wurde, nahmen die Autoren und der Verlag Kontakt zu dem ehemaligen »Sun Koh«-Schöpfer auf, um ihn als PERRY RHODAN-Autor zu gewinnen. Letztlich war ausgerechnet die Hohlwelt-Theorie ein Grund dafür, nicht mit ihm zusammenzuarbeiten.

Müllers Vorarbeiten für PERRY RHODAN dürfen dennoch nicht unterschätzt werden. Viele seiner Ideen finden sich gerade in den frühesten Romanen der größten SF-Serie der Welt wieder. So veröffentlichte er 1938 unter dem Pseudonym Lok Myler den Roman »Die Blaue Kugel«, in der Werbung als »Phantastischer Zukunfts-Roman« angekündigt. Unter anderem geht es in diesem Roman darum, dass drei junge Ingenieure in den Anden das Wrack eines außerirdischen Raumschiffes finden. Das Raumschiff ist kugelförmig, und es stammt vom Mars. Die Erbauer des Kugelraumers sind allerdings inzwischen degeneriert ...

Vergleichbare Beispiele listet das Buch immer wieder auf. Über die Arbeit, die sich Heinz J. Galle gemacht hat, kann man nur bewundernd staunen. Die Autorenbiografie ist sehr umgangreich und lässt keine Fragen offen. Nicht nur die fantastischen Romane werden präsentiert, die Biografie geht ebenso auf humoristische Romane, auf Krimis wie  KOMMISSAR X sowie die verschiedensten SF-Titel ein.

Eine klare Absage erteilt Galle in diesem Buch den uralten Vorwürfen, Müller sei in die rechte Ecke zu stellen, weil er im Dritten Reich weiter publizierte. Galle begründet diese Absage, untermauert sie mit zahlreichen Belegen, so dass sich jeder Leser letztlich seine eigene Meinung bilden kann.

Ein umfangreicher Werkführer zu »Sun Koh« und den anderen Serien wie »Jan Mayen« oder »Rah Norten« gehört ebenso zu dem Buch wie eine Darstellung der verschiedenen Veröffentlichungen der Romane. Sogar den Weg der Ideen verfolgt das Buch: Wann ist welche Idee in welchem Roman wie verwendet worden? So entsteht eine umfassende Biografie und Bibliografie eines wichtigen deutschen Schriftstellers, den die Literaturkritik ebenso wie die Fan-Szene aus der Erinnerung verdrängt hat.

Das Buch selbst ist aufwendig illustriert und gestaltet. Für mich persönlich ist es einer der besten Sachbuch-Titel zur Science Fiction, der in den letzten Jahren erschienen ist – von daher kann ich es als absolute Pflichtlektüre empfehlen. Unter der ISBN 9521172-0-X ist es in jeder Buchhandlung zu erhalten.