31. Januar 2005
Es ist Freitag, der 21. Januar 2005, abends gegen 20 Uhr: In einem großen Raum des wunderschönen Schlosses von Wolfenbüttel stehen 15 Autorinnen und Autoren vor einer großen weißen Wand. Gespannt hören sie zu, während der Bestseller-Autor
Andreas Eschbach ihnen erläutert, wie er sich die Verwandlung der weißen Wand vorstellt: »Wir haben genau vierundvierzig Stunden Zeit«, sagt er, »und da ist das Schlafen und Essen inbegriffen. In dieser Zeit wollen wir einen Roman von rund 300 Seiten schreiben.«
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| Schwierige Koordination: Andreas Eschbach strukturiert die Ideen der Autorinnen und Autoren, stellt sie zu einzelnen Szenen und so zu einem Roman zusammen. |
Szenenwechsel - Sonntag, 23. Januar 2005, gegen 11.15 Uhr: Die weißen Wände des Schlossraumes hängen voller Manuskript-Ausdrucke, Notizblätter und Grafiken. Angespannt und übermüdet sehen die 15 Autorinnen und Autoren aus, gleichzeitig aber glücklich. Als ein Seminarteilnehmer im Besprechungsraum bekannt gibt, dass der gesamte Roman, der den beziehungsreichen Arbeitstitel »Sie hatten 44 Stunden« trägt, tatsächlich rund 339 Manuskriptseiten umfasst und eine komplette Story erzählt, bricht erleichterter Jubel aus.
Soweit die Eckpunkte eines Wochenendes, das ich eine Woche danach immer noch nicht richtig verdaut habe ...
Für
Andreas Eschbach und mich hatte die Arbeit bereits vor über einem Jahr begonnen. Seit 1995 veranstaltet die Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel nun ihre Science-Fiction-Seminare; als Dozenten waren unter anderem die PERRY RHODAN-Autoren
Robert Feldhoff,
Uwe Anton und
H. G. Francis, der ehemalige Heyne-Lektor Wolfgang Jeschke sowie der leider schon verstorbene PERRY RHODAN-Autor
Peter Terrid dabei.
Bei einem unserer gemeinsamen Seminare brachte
Andreas Eschbach die gewagte Idee auf den Tisch. Wie wäre es denn, so überlegte er laut, wenn man den Teilnehmerinnen und Teilnehmern dabei behilflich sei, endlich einmal einen fertigen Roman zu schaffen, einen echten Science-Fiction-Roman, der zumindest theoretisch auch veröffentlicht werden könnte? Was sich zuerst nach einer gewagten Idee anhörte, begeisterte recht schnell nicht nur mich als Co-Dozenten, sondern auch Dr. Olaf Kutzmutz, den Fachbereichsleiter für Literatur an der Bundesakademie. Und wir entschlossen uns, das Experiment im Januar 2005 zu starten ...
Ein Jahr lang diskutierten wir per E-Mail über die Möglichkeiten eines solchen Seminars, entschieden uns dafür, einige Eckpunkte festzulegen und dann die Autoren dazu einzuladen. Insgesamt 65 Autorinnen und Autoren bewarben sich für einen Platz in diesem »Hammer-Seminar«, wie wir es intern nannten - genau 15 konnten letztlich teilnehmen. In den Vorgesprächen hatten Andreas und ich uns auf die Eckpunkte geeinigt, beispielsweise, dass der endgültige Roman eine Expedition zum Jupiter als Thema haben solle.
Und so reiste ich am Donnerstag nach Wolfenbüttel. Am späten Nachmittag traf ich mich mit
Andreas Eschbach; bei dem einen oder anderen Kaffee unterhielten wir uns über PERRY RHODAN und andere Verlagsdinge, sprachen über Kollegen und Bekannte, neue Autoren und Filme - was man eben so tut, wenn man sich als Autor und Redakteur trifft. Später beim Abendessen mit Olaf Kutzmutz ging es konzentrierter zur Sache: Wir sprachen noch einmal alle Details des geplanten Wochenendes durch.
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| Große Erleichterung: Nach einem 44stündigen Schreib-Marathon sind 15 Autorinnen und Autoren sowie die Seminarleiter sichtlich erfreut, dass die Tortur vorüber und der Roman fertig ist. |
Nachdem wir am Freitag die Räumlichkeiten im Schloss Wolfenbüttel für unsere Bedürfnisse hergerichtet hatten, konnte es losgehen. Der PERRY RHODAN-Fan Johannes Fischer hatte - via
Hubert Haensel - eine tolle Risszeichnung angefertigt, die eine mögliche Jupiter-Station zeigte und uns als Ausgangspunkt für den geplanten Roman diente. Und wir hatten uns bereits darauf geeignet, dass das andockende Schiff mit den Expeditionsteilnehmern den Namen CLARK DARLTON tragen sollte. Es schien uns allen angemessen, auf diese Weise noch einmal an den eigentlichen Begründer der deutschsprachigen Science Fiction zu erinnern.
Die eigentliche Arbeit am Roman lief nach einem festen Plan ab. Die Autoren einigten sich im Plenum auf die Eckpunkte des geplanten Romans, dann erläuterte Andreas das Prinzip des Arbeitens: »Wir teilen den Roman in vier Akte ein. Nach dem ersten Akt ist der Punkt erreicht, an dem das Geschehen nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Nach dem zweiten Akt, also in der Mitte des Romans, muss eine überraschende Wendung dem Roman einen zusätzlichen Schub geben. Und nach dem dritten Akt müssen die Helden des Romans in ihrer tiefsten Krise stecken.«
Wenn jeder Autor in jedem Akt - der dazu in fünfzehn Szenen gegliedert werden musste - nur eine Szene à fünf Seiten schriebe, wäre es kein Problem, die sechzig Szenen zu je fünf Seiten zu erhalten. Und damit stünde ein Roman mit 300 Seiten zur Verfügung. Jeweils drei Autoren kümmerten sich um eine Hauptperson; insgesamt hatte der Roman somit fünf Haupt- und fünf Nebenpersonen. Ein überschaubares Personal also.
Ich gestehe, dass ich noch am Freitag abend daran zweifelte, ob die Autoren das wirklich schaffen könnten; zu groß und zu unübersichtlich erschien anfangs die Aufgabe.
Andreas Eschbach wirkte wesentlich optimistischer. Und so stürzten wir uns am ersten Abend mit Feuereifer ins Geschehen, saßen teilweise bis nachts um drei Uhr an den Computern.
Während sich
Andreas Eschbach um die Autorinnen und Autoren kümmerte, mit ihnen über Texte und Inhalte diskutierte und ihnen hilfreiche Ratschläge gab, war ich bei diesem Rekordversuch als Redakteur tätig: Ich bearbeitete in aller Hektik Texte, ich diskutierte gelegentlich mit den Autoren, und ich sorgte dafür, dass die Manuskripte ausgehängt und an die jeweiligen Kollegen verteilt wurden. Aus diesem Grund war ich nachts jeweils der letzte, der seinen Arbeitsplatz verlassen konnte, und ich musste dafür sorgen, dass es am nächsten Morgen gleich weiterlief.
Wir hielten tatsächlich den Plan ein. Manche Autoren schafften es, alle Texte noch in der Nacht von Samstag auf Sonntag fertigzuschreiben; der letzte Text war wenige Minuten nach elf Uhr am Sonntag morgen in meinem Computer. Und wir hatten tatsächlich einen Roman fertig geschrieben, der sich in seinen einzelnen Szenen auf jeden Fall gut bis sehr gut lesen lässt.
Jetzt steht noch ein wenig Redaktionsarbeit bevor, die sich Andreas und ich wohl teilen werden. Und dann müssen wir sehen, ob sich ein kleiner Verlag für »Sie hatten 44 Stunden« finden lässt ...