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Kurzinfo
3. Januar 2006

Im Anflug auf den Planeten Iscilhas

Der Titel des Autorenseminars an der  Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel war eindeutig: »Ein Alien ist auch nur ein Mensch - die Sciencefiction-Kurzgeschichte«. Als Dozenten reisten am Wochenende des 16. bis 18. Dezember 2005 der PERRY RHODAN-Autor  Uwe Anton und ich nach Wolfenbüttel, diesmal durchaus beeinträchtigt durch schlechtes Wetter und damit zusammenhängendes Chaos bei der Bundesbahn.

Trotz dieser Widrigkeiten und des etwas heiklen Termins - das Vierte-Advent-Wochenende vor Weihnachten - kamen zwölf Autorinnen und Autoren zur Bundesakademie, um mit uns zu diskutieren, eigene Geschichten zu besprechen und auch etwas über das Schreiben und Redigieren zu lernen. Auf Anregung von  Uwe Anton hatten wir uns bei diesem Seminar auf das Thema Weltenbau spezialisiert: Selbst wenn eine Kurzgeschichte nur einen Bruchteil einer Welt darstellen kann, vor allem im Bereich der Science Fiction, so sollte diese Welt doch stimmig sein und dem Leser das Gefühl vermitteln, der Autor kenne sich hervorragend aus und führe ihn entsprechend durch die Handlung.

Damit sich alle Autorinnen und Autoren gleichermaßen einstellen konnten, verschickten wir eine Art Hausaufgabe im voraus.  Uwe Anton erarbeitete - mit Unterstützung von  Rainer Castor - die Daten der Welt Iscilhas, die wir hierfür zur Verfügung stellten. Da Daten allein häufig eher für Verwirrung sorgen, schrieb Uwe eine Reihe von Hinweisen auf, um den Autoren eine Hilfestellung zu geben.

Ich zitiere im folgenden aus der Aufgabenstellung:
»Die Schwerkraft des Planeten ist um über 20 Prozent höher als die der Erde. Diese Zahl erscheint auf den ersten Blick nicht gerade bedeutend, aber man möge sich überlegen, was das für die Entwicklung des Lebens auf Iscilhas bedeutet.

Zum Beispiel: Wie wird eine Tierwelt aussehen, deren Exemplare zwanzig Prozent ›schwerer‹ sind als irdische (hauptsächlich Vögel!). Ist die Entwicklung eher in Richtung ›Giraffe‹ oder eher in Richtung ›Dachs‹ verlaufen? Wie sehen die Intelligenzen aus, die sich auf solch einer Welt entwickelt haben?

Zum Beispiel: Die jahreszeitlichen Änderungen sind geringer als auf der Erde. Welche Auswirkungen hat das auf die Entwicklung einer Zivilisation? ABER: Welche Probleme ergeben sich bei einer 20 Prozent höheren Schwerkraft zum Beispiel bei der Entstehung von Hurrikanen, Taifunen, Wirbelstürmen, etc.?«

Soweit zur Basis der Aufgabe, zur Welt also. Darüber hinaus formulierte Uwe bereits Szenarien für mögliche Geschichten, aus denen sich die Seminarteilnehmer bedienen konnten. Ich zitiere:
»Wie gehen  Terraner mit dieser Situation um? Kommunikation mit den Ureinwohnern oder Auseinandersetzungen? Bilden die  Terraner eine Fraktion, oder gibt es unterschiedliche Auffassungen bei ihnen? Was könnte dieser Planet ihnen bieten, oder geht es ihnen nur darum, Beziehungen zu einer fremden Spezies aufzubauen?
Wie reagieren die Bewohner des Planeten? Hat sich dort eine intelligente Spezies entwickelt, oder gibt es mehrere? Wie ist ihr Entwicklungsstand, wie sieht ihre Kultur aus? (Höhere Schwerkraft!)
Welche Gefahren bzw. Lebensumstände bietet diese Welt? Wie gehen die Ureinwohner, wie die Neuankömmlinge damit um?«

Daraus wiederum leitete sich die eigentliche Aufgabe ab, die  Uwe Anton wie folgt skizzierte:
»Die Geschichten (maximal zehn Seiten mit jeweils 1800 Anschlägen) sollen zumindest einige der obigen Aspekte berücksichtigen. Diese Geschichten werden wir in der Gruppe besprechen, insbesondere mit Blick auf die obigen Punkte: Ist die Welt, die die Kursteilnehmer in ihre Story geschaffen haben, in sich schlüssig? Stimmt sie mit den Vorgaben überein?

Anschließend werden wir die ›besten‹ Ideen und Einfälle extrahieren und sie in Schreibübungen für neue Geschichten aufgreifen, die während des Workshops entstehen. Ziel ist, mehrere neue Geschichten zu entwickeln, die in sich schlüssig und stimmig auf der hier umrissenen Welt spielen.«

Für uns beide war es sehr spannend, auf der Reise nach Wolfenbüttel den Reader zu lesen, den die Bundesakademie aus den Geschichten der Autoren zusammengestellt hatte: Jeder hatte die Aufgabenstellung aufgegriffen, jeder hatte sich seine Gedanken zu der Welt gemacht, und jeder war zu ganz anderen Schlussfolgerungen gekommen. Vielfältig und bunt präsentierte sich die Welt Iscilhas in den Geschichten der Autorinnen und Autoren - und wir besprachen jeden dieser Texte kritisch und ausführlich.

Auf Basis der ersten Texte sowie des grundlegenden Exposés erarbeiteten wir im Verlauf des Wochenendes weitere Details zur Welt Iscilhas. Diese wiederum wurden zur Grundlage für Schreibübungen: Der stimmungsvolle Anfang einer Kurzgeschichte sollte geschrieben werden, ebenso eine Dialog-Szene, bei der ein Außerirdischer unter den besonderen Bedingungen von Iscilhas auf einen Menschen trifft. Auch hier war wieder spannend zu sehen, wie verschieden die Ergebnisse ausfielen - jeder fand einen eigenen Zugang zum Thema.

Wir besprachen Texte, wir schrieben Texte, wir diskutierten über neue Texte - und zwischendurch gab es immer wieder »theoretische Einlagen«:  Uwe Anton berichtete aus seiner schriftstellerischen Arbeit, ich berichtete von der Tätigkeit eines Redakteurs, und beide sprachen wir von unseren Erfahrungen mit anderen Verlagen. So bekamen die Teilnehmer einen Einblick in die Verlagslandschaft, zwar subjektiv geprägt, aber hoffentlich interessant und umfassend.

Als ich am Sonntag nachmittag von Wolfenbüttel aus nach Karlsruhe zurückfuhr, war ich ziemlich erschöpft. Solche Seminare sind anstrengend, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie nicht pünktlich aufhören, sondern aufgrund der Fragen der Besucher von morgens acht Uhr bis lange nach Mitternacht gehen. Gleichzeitig aber finde ich die Seminare in Wolfenbüttel für mich selbst sehr bereichernd, da ich stets Neues lerne.

Während ich diese Zeilen schreibe, steht im übrigen bereits das nächste Science-Fiction-Seminar vor der Tür: Vom 20. bis 22. Januar 2006 werden  Andreas Eschbach und ich als Dozenten für angehende Schriftsteller wirken. Thema ist diesmal der SF-Roman.