23. Januar 2007
Bielefeld, in der Nähe der Universität: ein bescheidenes Einfamilienhaus in der typischen Klinkerbau-Optik dieser Wohngegend, umgeben von einem kleinen Garten. Hier lebt Erna Scholz, die Witwe von
Winfried Scholz alias
W.W. Shols, einem der PERRY RHODAN-Gründungsautoren.
An einem schönen warmen Tag im letzten Jahr ergab es sich, dass ich bei einem Aufenthalt in Bielefeld die Zeit fand, Erna Scholz einen Besuch abzustatten. Dabei unterhielten wir uns ausführlich über ihren Mann, die gemeinsame Zeit und - natürlich! - die Aktivitäten, die er bei PERRY RHODAN entfaltete.
Immerhin hat der Autor unter seinem Pseudonym W. W. Shols vier Romane zur Serie beigesteuert, die Grundlagen für das weitere Geschehen lieferten. Romane wie »Das Mutantenkorps« oder auch »Geheimschaltung X« trugen dazu bei, dass PERRY RHODAN im Jahr 1961 zu einem gigantischen Erfolg im Heftromansektor wurde. Unter anderem erfand der Bielefelder Autor die Namen der japanischen Mitglieder des Mutantenkorps - inspiriert wurde er dazu durch ein japanisches Telefonbuch.
Das war nur eines der Themen, über die wir bei meinem Besuch sprachen. Schließlich hängen beispielsweise im Wohnzimmer immer noch jene Bilder an der Wand, die
Winfried Scholz in den fünfziger Jahren malte. Sie sind in einem Aquarell-artigen Stil gehalten und zeigen Eindrücke von Urlaubsorten.
In verschiedenen Bücherregalen stehen die Werke des Autors, nicht nur Science Fiction, sondern ebenso Western und Krimis. Unter verschiedenen Pseudonymen schrieb Scholz in den fünfziger und sechziger Jahren für diverse Leihbuchverlage; nach seinem Ausscheiden aus dem PERRY RHODAN-Team blieb er weiterhin ein produktiver Mensch. Kein Wunder, dass sich in der Wohnung verschiedene Schrankfächer finden, die voller Manuskripte sind, sowohl veröffentlichte als auch abgelehnte, darunter übrigens zahlreiche Gedichte, die
Winfried Scholz gern geschrieben hat.
Diese waren letztlich der Anfang zu seiner Schriftstellerei, denn schon während der Schulzeit verfasste er seine ersten Texte: Gedichte, die er im Auftrag von Schulkameraden schrieb. Später entstanden Stücke, die im Schultheater aufgeführt wurden. »Das hieß bei denen immer, ›Winne, mach das, mach jenes!‹«, erinnert sich seine Witwe bei unserer Begegnung an die Geschichten, die sie von ihrem Mann erzählt bekommen hatte.
Unter anderem hatte ich bei meinem Besuch die Gelegenheit, einige der unzähligen Fotoalben durchzuschauen, die es im Haus der Familie gibt. Der Autor hatte beispielsweise während seiner Reisen wunderschöne Bücher angefertigt, in denen sich Fotos, handschriftliche Notizen, selbst gezeichnete Landkarten und humoristische Skizzen abwechseln. Aufenthalte in Kalifornien und Mexiko oder eine Reise nach New York im Jahr 1974 - das alles bot für mich sehr interessante Einblicke in das Schaffen eines kreativen Mannes.
Darüber hinaus gibt es selbstverständlich Fotoalben mit Familienbildern, ebenso Alben mit der Frühgeschichte des deutschen Science-Fiction-Fandoms. Viele Bilder aus den 50er- und 60er-Jahren zeigen die Größen der damaligen Zeit:
Karl-Herbert Scheer und
Walter Ernsting alias
Clark Darlton, der junge
William Voltz, aber auch
Kurt Mahr oder W. D. Rohr. Immer wieder sitzt
Winfried Scholz dazwischen, und man sieht den Aufnahmen an, wie engagiert er sich an den Diskussionen und Arbeiten beteiligte.
Winfried Scholz starb auf einer Urlaubsreise - seine letzten Fotos schoss er am 5. Mai 1981. Am 6. Mai trat er seinen Urlaub an und flog nach Portugal; dort starb er an einer schon länger schwelenden Krankheit, die sich im Urlaub plötzlich zuspitzte. Er wurde eine Woche später, am Freitag, 15. Mai 1981, auf dem Sennefriedhof in Bielefeld beerdigt.
Seit über 25 Jahren ist
Winfried Scholz schon tot. Als Autor gehörte er mehr als zwei Jahrzehnte zu den deutschsprachigen Science-Fiction-Schriftstellern, die mithalfen, das Genre in Deutschland, Österreich und der Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg zu etablieren. Zu PERRY RHODAN steuerte er grundlegende Arbeiten bei, die man nicht vergessen sollte.
Es war für mich ein sehr intensives Erlebnis, seine Witwe und seinen Sohn gemeinsam kennenzulernen. Es wird meiner Ansicht nach Zeit, den Autor auch den jüngeren Lesern ins Gedächtnis zu rufen. Und deshalb wird dieser Text auch nicht mein letzter über
W.W. Shols sein.