13. April 2007
Seit ich im Herbst 1992 meinen Arbeitsplatz als PERRY RHODAN-Redakteur angetreten hatte, gehörte zu meinen Aufgabengebieten unter anderem der Kontakt zu den Autoren, die für die Serie schrieben. Mir zur Seite stand
Sabine Bretzinger, zu dieser Zeit noch Redaktionsassistentin, und unser gemeinsamer Chef war Dr. Florian F. Marzin. Da zu dieser Zeit die Buchverlage des Hauses Pabel-Moewig immer stärker ausgebaut wurden, war Florian immer wieder in wichtigen Besprechungen, was dazu führte, dass Sabine und ich uns stärker in die Serienbelange einarbeiteten. Und eben mit den Autoren sprachen.
Einer dieser Autoren war
Walter Ernsting, der damals in Youghal in Irland wohnte. Der PERRY RHODAN-Gründungsautor, der als
Clark Darlton zusammen mit seinem Partner
Karl-Herbert Scheer über Jahrzehnte für die Serie gearbeitet hatte, war gesundheitlich angeschlagen. Und bereits im Frühjahr 1993 hatte er am Telefon gesagt, dass es ihm nicht gut gehe. Das Klima schade ihm und seiner Lunge, er fühle sich nicht gut - und deshalb wolle er sich langsam von der Schreiberei zurückziehen.
Am liebsten, so sagte er mir damals am Telefon, wolle er auch keinen Roman mehr schreiben. Das strenge ihn sehr an; zudem komme doch - so seine eigene Aussagen - »ohnehin nix gutes mehr dabei raus«. Dem widersprachen Sabine, Florian und ich bei diesen Telefonaten engagiert, und so einigten wir uns irgendwann darauf, dass er vielleicht noch einen Roman schreiben sollte.
»Einen letzten Gucky-Roman«, flehte ich ihn an, »nur noch einen. Ein Taschenbuch für den Heyne-Verlag, und du musst es nicht unter Termindruck schreiben. Mach uns einfach einen schönen Gucky-Roman, ob lustig oder ernsthaft, das ist egal - und ich bringe ihn dann bei Heyne, wenn er da ist.« In seiner unvergleichlichen Art lachte Walter Ernsting in diesem Fall und versprach, den Roman zu schreiben.
Das wurde in den folgenden Monaten bei gelegentlichen Briefwechseln und Telefonaten zu einer Art »Running Gag« zwischen uns und ihm. Am 27. Juni 1993 schrieb er das sogar in einer kurzen Notiz, die er mitsamt einer Spesenrechnung an den Verlag schickte: »Zum PR-TB ist mir noch nichts eingefallen. Es ist zum Verzweifeln. Ihr Erpresser ...!« Er unterschrieb trotz dieses augenzwinkernden Vorwurfes mit »Herzlichen Gruß«.
Dann aber kam Walter zu einem Entschluss, der ihm bestimmt nicht leicht fiel. Also schrieb er am 26. August 1993 einen Brief an Dr. Florian F. Marzin und mich, aus dem ich hiermit zitieren möchte:
»Es fällt mir sehr schwer, diesen Brief zu schreiben, aber es hat wenig Sinn, alles noch weiter hinauszuschieben. Ich habe Euch versprochen, noch ein Taschenbuch zu schreiben, aber - um es kurz zu machen - ich schaffe es nicht.«
Walter war in seinem Brief sehr ehrlich. Es sei ihm keine »vernünftige« Idee eingefallen, und das, was er geschrieben habe, fand er selbst »einfach unmöglich«. Seine Überlegung empfanden wir in der internen Besprechung nachvollziehbar: »Ich möchte mich nicht mit einem miesen Machwerk von meinen Fans verabschieden, die schon meine letzten Romane als schwach bezeichneten.« Er wolle aber auch nicht wegen eines »Altersbonus« irgendwie positiver dargestellt werden, als er es verdient habe.
In Verbindung mit uns wollte Walter weiterhin bleiben, wir sollten ihm auf jeden Fall auch künftig alle Romane zuschicken. Dafür wolle er keine Exposés mehr haben, schließlich komme nun doch kein Roman mehr von ihm: »Meine (Schreiber-)Zeit ist eben vorbei«, resümierte er selbstkritisch. Die neue Generation an Lesern sei ihm »längst über den Kopf gewachsen« und wolle »mehr als meine abenteuerlichen Weltraummärchen«.
Als der Brief bei uns in der Redaktion eintraf, saßen wir um den kleinen Besprechungstisch, die Kaffeetassen vor uns, und waren erst einmal beeindruckt. Noch in seinem Rückzug aus dem Kreis der aktiven Autoren bewies
Walter Ernsting die Größe, die ihn stets ausgezeichnet hatte. Er trat freiwillig zurück, weil er mit seiner eigenen Arbeit nicht mehr zufrieden war. Respekt!
Der Kontakt zwischen
Walter Ernsting und der Redaktion riss auch in den folgenden Jahren nicht ab, wenngleich er dünner wurde. Alle sechs bis acht Wochen telefonierten wir miteinander, mal hielt Sabine den Kontakt, mal Florian, mal ich. Nachdem Florian F. Marzin den Verlag verlassen hatte, war es Sabine Bretzinger - bald
Sabine Kropp -, die vor allem immer wieder einmal mit Walter telefonierte. Oft rief er an, um uns über seine aktuelle Situation zu informieren; trotz seiner körperlichen Beschwerden war er meist gut gelaunt. Den Klang seiner Stimme habe ich immer noch im Ohr.
Als er irgendwann von Irland nach Österreich zog, um in Salzburg bei seiner Familie zu leben, besuchte ich ihn endlich einmal. Unser Verhältnis blieb freundlich und offen, und wenn Walter manchmal mit der Handlung der PERRY RHODAN-Romane nicht zufrieden war, sagte er es höflich.
Aber er schrieb nie wieder einen Roman. Briefe gab es von ihm, persönliche Anmerkungen und Notizen - aber leider nie wieder einen PERRY RHODAN-Roman, kein Gucky-Abenteuer, keine Zeitreise und keine Ernst-Ellert-Geschichte. Der Schriftsteller
Clark Darlton hatte sich im Sommer 1993 zur Ruhe gesetzt.