25. Mai 2007
Mein erster Arbeitstag bei der damaligen Verlagsunion Pabel Moewig war der 2. November 1992. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Kurz zuvor hatte man in der Verlagsleitung die Entscheidung gefällt, die Nachauflagen entweder einzustellen oder stark umzuändern. Ich kam also in eine Phase der Umstrukturierung nach Rastatt - und mein erster Job war gewissermaßen, den Lesern die negativen Nachrichten zu verkünden.
Dabei waren lange Verhandlungen vorausgegangen. Bereits seit Jahren gingen die Auflagen der Heftromanserien aller Verlage zurück: Man verlor ab Mitte der 80er Jahre immer mehr Leser an das wachsende Fernsehangebot, das sich im Entstehen der Kabelkanäle und im Ausweiten des öffentlich-rechtlichen Programms manifestierte. Die Folge war das sogenannte Seriensterben, das - meiner Schätzung nach - den Heftromanmarkt zwischen 1985 und 1990 etwa halbierte. Eines der »Opfer« waren damals unter anderem die ATLAN-Serie sowie die TERRA ASTRA-Serie, von der zweiten PERRY RHODAN-Auflage ganz zu schweigen.
Jetzt aber ging es auch den anderen Auflagen an den Kragen. Am 9. Oktober 1992 schickte der damalige Chefredakteur Dr. Florian F. Marzin einen Brief an das Autorenteam. In diesem informierte er die Kollegen erstmals über die ernüchternde Situation: »Aufgrund durchgängig rückläufiger Umsatzzahlen bei den Nachauflagen mußten wir uns etwas einfallen lassen, um die Nachauflagen in ihren Verkaufszahlen zu stabilisieren« - so begann das Schreiben noch gedämpft optimistisch.
Bereits der zweite Satz machte aber klar, dass die Lage kritisch war: »Dabei sind die Zahlen für die IV. Auflage so schlecht, daß die einzig mögliche Entscheidung die Einstellung mit Band 799 war.« Die dritte und fünfte Auflage sollten umgestellt werden.
Marzin hatte in mehreren Gesprächen mit der Verlagsleitung versucht, »diese Entscheidung so lange wie möglich hinauszuziehen«. Er hoffte auf eine Verbesserung bei der Auflagensituation und glaubte dabei an den zusätzlichen Markt in den neuen Bundesländern. Leider aber, so schrieb er in seinem Brief an die Autoren, wiesen »die letzten Zahlen ein eklatantes Defizit für alle Nachauflagen aus«.
Der damalige Chefredakteur informierte nicht nur die aktuellen Teamautoren, sondern in einem weiteren Schreiben auch die Witwen und sonstigen Erbberechtigten. Damit waren die Personen eingeweiht, die es finanziell betraf - die Leser sollten es erst später erfahren. Für die entwarfen wir in den folgenden Wochen eine Reihe von Mitteilungen, die in den Nachauflagen sowie in den Heften der ersten Auflage erscheinen sollten.
Am schlimmsten betraf es tatsächlich die vierte Auflage. Immerhin war es Florian Marzin mit seinen Verhandlungen gelungen, einen »sauberen Schluss« hinzubekommen. Band 799 war damit der letzte Roman dieser Auflage; er erschien am 31. März 1993. Immerhin konnte somit der laufende Aphilie-Zyklus abgeschlossen werden.
Die Leser waren teilweise fassungslos. Ich erinnere mich an zahlreiche Anrufe von erbosten Lesern, die diese Entscheidung nicht verstehen konnten und uns zu einer Änderung des Entschlusses bewegen wollten. Wortreich versuchten
Sabine Bretzinger und ich in unserem kleinen Büro den Betreffenden zu erläutern, dass dieser Entschluss nicht von uns kam, sondern »von ganz oben«. Wir versuchten, den Anrufern und Briefeschreibern allerdings immer wieder die anderen Nachauflagen als Lektüre zu empfehlen.
Diese wurden zur selben Zeit auch geändert. Im Verlag war man zur selben Zeit auf die Idee gekommen, die Vertriebskosten drastisch zu reduzieren. Das erreichte man durch einen Trick: Je zwei Bände der dritten und fünften Auflage erschienen künftig als Doppelband, anfangs mit einem kartonierten Umschlag und stabiler Klebebindung. Ein eigens beauftragter Grafiker erarbeitete ein grundsätzlich neues Layout für diese Doppelbände, bei dessen Gestaltung wir eingebunden wurden.
Wir überlegten uns, wie wir die Titel- und die Rückseite künftig gestalten sollten: Vorne standen künftig immer die beiden Titel der Romane, während die Untertitel auf der Rückseite standen. Wir führten neue »Zwischentexte« ein, die vom einen zum anderen Roman überleiteten, die künftig von mir geschrieben wurden, und wir gestalteten neue Abspanntexte für den jeweiligen Doppelband. Und vor allem überlegten wir uns Formulierungen, mit denen wir die immer noch wütenden Leser beruhigen konnten.
Immerhin sahen die neu geschaffenen Doppelbände richtig klasse aus. Die dritte Auflage wurde mit dem Paperback 1050/1051 umgestellt, die fünfte Auflage mit dem Paperback 550/551. Nachdem wir Ende März das Debakel mit der vierten Auflage hingelegt hatten - schuldlos natürlich! -, konnten wir im April 1992 mit zwei schönen Paperbacks bei den Lesern punkten. Der Erfolg gab uns recht: Der Rückgang der Verkäufe konnte bei den verbleibenden Nachauflagen auf diese Weise gestoppt werden, wir erreichten endlich stabile Zahlen. Meine Vermutung war schon damals, dass wir durch die modernere Gestaltung tatsächlich neue Leser oder zumindest interessierte Sammler erreichten.
Die ersten Monate des Jahres 1993 waren aufgrund der Nachauflagen nicht einfach. Für einige Fans war ich die Person, die die vierte Auflage eingestellt hatte; sie zählten eins und eins zusammen und kamen auf das Ergebnis, dass ich schuld sein musste. Für mich, der aus dem Fandom kam, ergaben sich eine Reihe von Konflikten, die mich - gelinde gesagt - häufig sehr irritierten.
Schließlich empfand ich selbst die Einstellung der vierten Auflage als sehr schlimm: Am 12. Oktober 1977 war der erste Band der vierten Auflage erschienen, und das war der Startschuss für meine eigene PERRY RHODAN-Sammlung gewesen. Zuvor hatte ich die Romane ja »nur« bei Freunden ausgeliehen oder mir gelegentlich ein Heft der ersten Auflage gekauft.
Und jetzt, gut 15 Jahre später, war Schluss - für mich war das kein guter Start. Als PERRY RHODAN-Redakteur hätte ich mir in den ersten drei Monaten gern mehr Ruhm und Ehre gewünscht ...