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Kurzinfo
7. Januar 2008

Der Redakteur erinnert sich: Die Geschichte von Captain Bluecat

 
Es war eine meiner frühen Exposé-Konferenzen; ich schätze, dass sie irgendwann zu Beginn des Jahres 1994 stattfand. Nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal ließen wir den Tag in der Bar des »Holiday Inn« ausklingen, tranken Bier und fühlten uns nach einem langen Konferenz-Tag einigermaßen ermattet.

Mir gegenüber saßen die Autoren  Arndt Ellmer, der zu jener Zeit die Datenrecherche für die PERRY RHODAN-Serie erledigte, und  Ernst Vlcek, damals allein verantwortlich für die Exposés der einzelnen Romane; ebenfalls am Tisch saß Chefredakteur Dr. Florian F. Marzin.

Die ersten hundert Romane des Groß-Zyklus um das »Große Galaktische Rätsel« waren bereits durchgeplant und zum größten Teil erschienen, die Handlung eilte mit großen Schritten auf den Band  1700 zu, und es war dringend nötig, dass wir uns Gedanken darüber machten, was wir danach unternehmen wollten. Aber an diesem Abend ging es mehr ums Grundsätzliche, und wir sprachen sehr selbstkritisch darüber, woran es unserer Ansicht nach in der aktuellen Handlung krankte.

»Wir brauchen richtig heftige Helden, die richtig zupacken können, richtige Kerle also und keine Laschis wie unsere aktuellen ZA-Träger«, sagte Dr. Marzin und nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Pilsglas.

»Stimmt genau«, schloss sich  Arndt Ellmer an und nahm ebenfalls einen kräftigen Schluck. »So einen wie damals Don Redhorse.«

»Das waren noch Männer!«, seufzte  Ernst Vlcek und bestellte die nächste Runde Pils.

Ich wohnte damals noch ganz in der Nähe von Rastatt und konnte theoretisch zu Fuß heimgehen, musste also nicht um meinen Führerschein bangen - also wehrte ich mich nicht und trank ebenfalls ein weiteres Bier.

»Stimmt. So einen wie Don Redhorse brauchen wir.« Mit einem kräftigen Schluck leerte Doc Marzin sein Glas und wischte den Schaum von seinem Bart. »Dann kracht's mal wieder ordentlich.«

»Aber bitte nicht schon wieder einen Indianer!«, flehte ich. In diesem Augenblick stieg nämlich die Erinnerung in mir hoch - an meine frühesten Fan-Geschichten, in denen seltsamerweise immer Raumfahrer auftauchten, die von Indianervölkern abstammten, und pelzige Wesen, die Gedanken lesen konnten.

Das Bier kam, es wurde fröhlich angestoßen, und das kühle Nass rann die durstigen Kehlen hinunter.

»Aaaaaa«, seufzte der österreichische Expokrat und zündete sich eine Zigarette an.

Dieser geistreiche Ausspruch versetzte die Versammlung in ein intensives Nachdenken, das rund eineinhalb Sekunden dauerte. Nach einer weiteren Viertelsekunde erhob der »Henker von Rastatt«, wie man zu jenen Tagen Dr. Marzin nennen durfte, seine Stimme: »Dann nennen wir den Burschen doch einfach Captain Bluecat statt Captain Redhorse.«

Alle nahmen einen kräftigen Schluck; die Bedienung stellte vier weitere Gläser hinter der Theke bereit und grinste erwartungsfroh zu uns herüber. Wahrscheinlich rechnete die junge Frau bereits aus, wie lange es bis zur nächsten Runde dauern mochte.

»Bitte keine Anglizismen!«, jammerte ich. Nicht zu Unrecht fiel mir in diesem Augenblick ein, dass in jeder zweit-, dritt- und viertklassigen deutschsprachigen Science-Fiction-Kurzgeschichte nur englischsprachige Helden vorkamen. Flehend hob ich beide Hände, eine Geste, die normalerweise keinen positiven Bescheid nach sich zog.

»Okay, dann nennen wir den Burschen eben Chat Bleu«, verkündete Doc Marzin und sprach »Chat Bleu« in lupenreinem Französisch aus. Er betrachtete nachdenklich mein T-Shirt, auf dem der Name einer englischsprachigen Krachkapelle prangte, sagte dazu aber nichts. »Der Kerl heißt Jacques Chatbleu«, fügte er dann hinzu.

Ich widersprach nicht, sondern nickte beifällig mit dem Kopf. Besser als ein weiterer englischer Name, überlegte ich.

»Klasse!«, freute sich  Ernst Vlcek und bestellte eine weitere Runde Bier. »Und die ganze Mannschaft von Capitaine Chatbleu ...« Auch er sprach es sauber französisch aus. »... die besteht natürlich aus Franzosen.«

So war das. Natürlich dauerte es noch einige Tage, bis aus einer bierseligen Idee in Rastatt, nur wenige Steinwürfe von der französischen Grenze entfernt, die »Beausoleils« entstanden. Aber das war der Anfang für eine Reihe frech auftretender Nebenfiguren, die zeitweise als »Beaumortels« zu trauriger Berühmtheit kamen und die den Ayindi-Zyklus mitprägten. Sogar im darauf folgenden Tolkander-Zyklus kam der Planet Lafayette noch einmal zur Geltung.

 Ernst Vlcek baute seine Leidenschaft für die Cajun-Musik und die französischsprachige Cajun-Kultur im Mississippi-Delta ein, erfand einige gut klingende Namen und den entsprechenden Hintergrund - und im Sommer 1994 kam der PERRY RHODAN-Roman  1714 unter dem Titel »Die Beausoleils« auf den Markt. Kommandant Joseph Broussard jr. war geboren, eine Figur, die immer wieder an  Ernst Vlcek persönlich erinnerte und bei vielen Lesern sehr gut ankam.

(Dieser Text erschien ursprünglich in einem Fanzine; leider ist dem Redakteur nicht mehr erinnerlich, in welchem Blatt es war. Da man zu jener Zeit zwar mit Computern schrieb, die Texte dann aber ausdruckte und von einem anderen Menschen abtippen ließ, sie also nicht speicherte, ist die Datei nicht überliefert. Es wäre ohnehin in einem uralten Word-Format geschrieben gewesen - also musste der Text schlicht abgetippt und leicht modernisiert werden.)