18. Januar 2008
Im Herbst 1979 erhielt ich eine erste gedruckte Bestätigung dafür, dass die wunderbare Welt des Science-Fiction-Fandoms immer größer und faszinierender für mich geworden war. Ich hielt die zweite Ausgabe von »solis orbita« in den Händen, ein im A4-Format gedrucktes Fanzine aus Friedberg in Hessen. Ich freute mich wie ein Schneekönig: Meine erste Geschichte erschien in einem Fanzine!
Immerhin schrieben für das Fanzine auch der junge Profi-Autor
Michael Nagula und andere, dazu eine Reihe von Autoren, die ich aus verschiedenen Fanzines kannte. Ich war komplett beeindruckt und zeigte das Heft nicht nur meinen Schulkameraden, die eher irritiert waren, sondern natürlich auch Thomas, mit dem ich in diesem Frühjahr 1979 erst meinen PERRY RHODAN-Club gegründet hatte.
Doch der hatte dafür so gut wie keinen Blick übrig. Wie mir sein jüngerer Bruder erzählte, der zu mir in die Klasse ging, las Thomas bereits keine Science-Fiction-Hefte mehr. Für ihn war das Kapitel PERRY RHODAN offenbar vorüber, er wurde jetzt schlagartig erwachsen: Sein eigener Roman lag unvollendet in der Schublade, und stattdessen schraubte er Mittag für Mittag an den Innereien seines »Achtzgerles«, einer Hercules-Maschine, herum. Mit seinem Mädchen hatte es übrigens nicht geklappt; dafür fuhr er jetzt mit seinen Kumpels durch die Gegend.
Ich fühlte mich dadurch ein wenig gekränkt, glich es aber aus, in dem ich mehr schrieb und noch mehr Kontakte knüpfte. Mein Geld für Heftromane, Fanzines und Briefmarken verdiente ich, in dem ich auf der Baustelle des Nachbarn und in der Landwirtschaft aushalf. Der Stundenlohn betrug drei Mark, was schon für damalige Verhältnisse nicht besonders gut war; der Nachbar konnte aber nicht mehr bezahlen, und mir genügte die Summe für den PERRY RHODAN-Konsum.
Für die eine oder andere Kassette blieb zudem Geld übrig, und so ließ ich mir von meinem Kumpel Stefan immer wieder neue Bands überspielen. Im Zuge meiner Fan-Kontakte erfuhr ich in diesem Herbst übrigens von den Verbindungen zwischen Science-Fiction-Fans und der Comic-Szene, zur Fantasy-Szene und vor allem zur Musik-Szene. Aus Frankfurt kam »Janus Rex«, das der Grafiker Udo Linke herausgab und das Science Fiction, Musik und Kunst verband - das kaufte ich mir noch nicht, weil es mir recht hochpreisig vorkam, aber ich las in anderen Blättern darüber. (Es dauerte nicht lange, bis ich über diese Kanäle an neue, aufregende Underground-Kapellen herankam. Aber das ist eine ganz andere Geschichte ...)
Meine Kontakte zu den Machern von »solis orbita« wurden intensiver. Vor allem mit Ulrich Hermann verband mich mittlerweile ein reger Kontakt auf der Basis von Tonbriefen: Wir schickten uns Tonband-Kassetten zu, die wir besprachen, auf die wir Musik spielten oder allerlei Geräusch-Experimente verarbeiteten. Telefon war zu jener Zeit noch recht teuer, Briefe waren mühsam - aber das recht neue Medium der Tonband-Kassette begeisterte junge Leute wie uns.
Nicht nur mit den Fans aus Friedberg tauschte ich solche Tonbriefe aus, es entwickelte sich ein richtiges Netz von Kassetten. Deren Inhalte wurden manchmal sogar zusammenkopiert und an andere Fans weitergeleitet. So erhielt ich Ausschnitte aus Kassetten, die der PERRY RHODAN-Club »Veast'Ark« aus Bad Orb (sein »Chef« hieß Ralf Baumgarten) zusammengestellt hatte, über Ulrich weitergeleitet, und leitete diesem wiederum Hörspiele weiter, die ich mit meiner kleinen Schwester gemeinsam einspielte.
Ich schrieb eifrig weiter: Kurzgeschichten, Buchbesprechungen, erste Artikel und sogar Gedichte. Ich nahm mir in großartiger Selbstüberschätzung vor, dass ich, wenn ich einmal ein richtig berühmter Science-Fiction-Autor sein würde, weiterhin für »solis orbita« schreiben würde: Immerhin hatten die Jungs mir den Weg bereitet.
Die bestellten Fanzines kamen ins Haus, und ich stellte sie mir ins Bücherregal: zwischen die ersten PERRY RHODAN-Silberbände, PERRY RHODAN-Taschenbücher und den »Lensmen«-Zyklus von E.E. Smith, der mich zu jener Zeit begeisterte. (Eineinhalb Jahre später verfasste ich einen Beitrag für ein Fanzine, für den ich die Bücher erneut las, um sie dann als »faschistoid« abzustempeln. So änderten sich die Zeiten ...) Es war klar, dass nicht nur mein Kinderzimmer unterm Dach des Elternhauses langsam zu klein wurde, sondern auch das Bücherregal. Es wurde Zeit für ein zweites Regal - oder brauchte der angehende Schriftsteller vielleicht gleich ein eigenes Arbeitszimmer?
Um meine Kontakte zu erweitern und davon abzulenken, dass sich »mein« PERRY RHODAN-Club langsam aufzulösen begann, trat ich verschiedenen anderen Clubs bei. Einer davon war der eher »linke« Science-Fiction-Korrespondenz-Ring (SFKR), der andere war die »politisch gemäßigte« Interessen-Vereinigung für Science Fiction« (IVSF). Von der »Aktivgruppe Science Fiction« (AGSF), die Mitglieder wie den vorbestraften Neonazi Christian Worch in ihren Reihen führte, hielt ich nicht so viel. Dafür stellte ich meinen Antrag auf Mitgliedschaft für den »Ersten Deutschen Fantasy-Club«; ich war zu diesem Zeitpunkt noch unter dem eigentlich verlangten Mindestalter von 16 Jahren, hoffte aber auf mildernde Umstände.
Mit zwei Fans aus Baden-Württemberg kommunizierte ich immer intensiver: Robert Goetzke, der aus dem Raum Heilbronn kam, war ebenso wie Frank Hoyer aus Nagold dabei, einen kleinen Club aufzubauen. Wir dachten in unseren Briefen gemeinsam darüber nach, ob man nicht etwas »größeres« aufbauen könnte: ein sogenanntes Clubkontaktnetz, das alle Science-Fiction-Clubs und Fanzines miteinander verbinden könnte.
Ich merkte, dass mir der PERRY RHODAN-Club »Gys Voolbeerah«, der zu der Zeit nur noch aus mir bestand, eigentlich ein Klotz am Bein war. Und ich erkannte, dass ich aus den bereits bekannten Kreisen ausbrechen musste ...