26. November 2008

Logbuch der Redaktion:
Monolithische Gedankengänge eines Expokraten

Acht Stunden Stau. Das sind fünf Stunden mehr als für die Hinreise, und das an einem Freitagabend, der unerbittlich in die Nacht abgleitet. Doch was mich an jedem anderen Tag schier in den Wahnsinn getrieben hätte, dieses Stopp-and-Go durch regendurchtränkte Finsternis, lenkt mich diesmal von einem viel existenzielleren Problem ab. Zumindest einen Teil von mir, den Teil, der in der Realität verwurzelt ist.

Im Hinterkopf macht sich allerdings eine ganz andere Welt breit. Gedanken kreisen um äonenalte Maschinen, riesige, fremdartige Gebilde, die Schönheit mit Chaos verknüpfen, um Kugelraumer, um Unsterblichkeit, um Leben und Tod. Eine hochgewachsene Gestalt schält sich aus dem Nebelreich unfertiger Gedanken, und der scharfe, abgeklärte Blick rötlicher Augen fixiert mich nachdenklich. »Du kennst sie, diese Barbaren«, höre ich eine Stimme wispern, »sie stürzen sich unbedacht ins Abenteuer, denn sie ahnen nicht einmal, welche Gefahren ihnen drohen. So warst auch du einmal, alter Arkonide. Gehe nicht zu hart mit ihnen ins Gericht.« Es ist Atlan - Atlan! Atlan sieht mich an, unser Schicksal auf einmal verbunden. Hätte ich einen Extrasinn, so würde er nun fluchen oder lachen. Oder versuchen, die Zeit zurückzudrehen - ein paar Stunden nur.

Rastatt, im Sommer 2008. Ein Haufen von Zetteln ringt mit einem Berg von Kaffeetassen um die Vorherrschaft auf dem Tisch des Hotels ganz in der Nähe des Verlagsgebäudes. Da liegt ein Handlungskonzept für einen neuen ATLAN-Sechsteiler, vorgesehen zur Veröffentlichung bei FanPro ab Herbst 2008. Eine Geschichte, in der es um bislang unbekannte Rätsel einer Vergangenheit geht, die wir Leser nur vom Hörensagen kennen, und die dann einen Bogen in die aktuelle Handlungszeit der ATLAN-Taschenbücher schlägt, und sogar darüber hinaus. Manches ist schon scharf umrissen, anderes nur skizzenhaft erfasst, aber da gibt es interessante Ansatzpunkte, um von Raumschiffen, fremden Planeten, Intrigen und Verzweiflung zu berichten. Die Diskussion dreht sich um einen möglichen Einsatz der Flotte - weder ein Atlan noch ein Perry Rhodan kann in dieser Situation anders handeln! Eine Idee entsteht, wie man den Schlussbogen gestalten könnte, um noch einmal etwas Dramatik in die Sache zu bringen … Und das war dann der letzte Moment, in dem ich vielleicht hätte »Nein« sagen können. Er zog vorbei.

Und jetzt sitze ich im Auto und denke nicht darüber nach, was es bedeutet, plötzlich ATLAN-Expokrat zu sein. Da gab es ein PERRY RHODAN-Taschenbuch, viele Storys, Artikel, ein Sachbuch, viele Jahre als Spielleiter eines Rollenspiels, das von den Karten über die Regeln bis zu den Abenteuern absoluter Eigenbau war, das Werk einer kleinen Gruppe von Leuten - konnte mich irgendetwas davon auf das Dasein als Expokrat vorbereiten? Eingebunden in die höchst phantastische Welt des Perry Rhodan, aber auch in die höchst reale Welt, in der Romane konzipiert, geschrieben, lektoriert, gedruckt und hoffentlich auch verkauft werden? Die Zahl emotionaler Unterströmungen wird bedrohlich. Freude - selbst ein gestaltender Teil des Perryversums zu sein, für 1800 Seiten ATLAN! - Verzweiflung im Angesicht dieser komplexen, so wichtigen Figur, Leere, wo vorher noch Ideen sprudelten …

Wie wird man ATLAN-Expokrat? Man versucht sich an einer Zykluskonzeption, arbeitet die aus schierem Vergnügen 100 Hefte durch, drückt sie einem Redakteur in die Hand, und bekommt dann einen Anruf. Wie wird man ATLAN-Expokrat? Man versucht, in Schuhe hineinzuwachsen, in denen man Tauchgänge machen könnte. Man arbeitet mit Profis zusammen, die ihr Metier ebenso beherrschen wie alle Facetten ihrer Schöpfung, man steht Kämpfe durch, macht Fehler, lernt. Und dann, auf der Buchmesse 2008 in Frankfurt, hält man den ersten Band frisch aus der Druckerei in Händen, sieht, was aus den Ideen geworden ist. Niemand beherrscht das Perryversum, aber konnte ich es ein klein wenig »formen«?

Mittlerweile bin ich zu Hause angekommen. Das Expo von Band 5 glotzt mich vom Bildschirm herunter an. Fäden laufen zusammen oder bilden ein Knäul, das ich hoffentlich heute Nacht im Traum entwirren kann. Bis jetzt haben Atlan und Santjun vieles durchgemacht, es gab Verluste, Feinde und neue Verbündete. Werden sie den Weg nach Hause schaffen? Werden sie überleben - beide? Wird Terra fallen? Es ist wie während dieser langen Fahrt: ATLAN-Expokrat wird man nicht, man bewegt sich höchstens darauf zu. Ich frage mich, ob die Monolithen auch meinen Untergang bedeuten werden? Und dann tippe ich weiter: »... Atlan verbirgt seine bedrohliche Lage vor Perry Rhodan und den USO-Angehörigen, um seine eigene Handlungsfreiheit nicht zu gefährden. Dies ist auch einer der Gründe, warum er Naileth Simmers …«

Aber das ist eine Geschichte, die noch erzählt werden will …