7. September 2004
Ein Interview mit dem PERRY RHODAN-Autor
Im PERRY RHODAN-Heft
2243 erschien auf der Leserkontaktseite ein Interview mit dem PERRY RHODAN-Autor
Rainer Castor . Hier das ungekürzte Interview noch mal für alle zum online lesen.
Arndt Ellmer : Wie bist du zu deinem liebsten Hobby gekommen?
Rainer Castor : Bücher haben von jeher eine merkwürdige Faszination auf mich ausgeübt. Keine Ahnung, warum das so war. Der Wunsch, möglichst viele Bücher zu haben, war schon vorhanden, als ich noch nicht mal lesen und schreiben konnte. Damals kritzelte ich alte Kalender meines Vaters voll.
Dass es mir dann, als es in der Schule ans Lesen und Schreiben Lernen ging, in den ersten Monaten ziemlich schwer fiel, ist ein anderes Thema. Theorie und Praxis sind nun mal zwei Paar Schuhe.
Die ersten dicken Schmöker waren – wie wohl bei vielen anderen Jungen auch – die von Karl May. Parallel dazu kam das allgemeine Faible für Technik und Science-Fiction hinzu, beispielsweise die »Raumpatrouille«-Folgen, die wir bei Oma ansahen, oder die Raumfahrtbegeisterung. Als ich aufwuchs, lief der »Run zum Mond«.
Ich lag selbstverständlich vor dem Schwarzweiß-Fernseher, als die erste Mondlandung übertragen wurde.
Irgendwann in jener Zeit startete ich auch meinen ersten Schreibversuch, ein »Krimi«, ganze zweieinhalb handgeschriebene Seiten lang und niemals vollendet.
Ansonsten beschränkte sich das Schreiben eher auf Legenden zu eigenen Zeichnungen, die natürlich stark von damaligen realen Raketen oder Zukunftsprognosen beeinflusst waren, die Besiedlung von Mond und Mars, das Leben im Meer, Rohrbahnen und dergleichen in Megastädten und was der Dinge mehr waren. Der Kubrick-Film »2001 – Odyssee im Weltall« war für mich ein Meilenstein.
Zum allgemeinen Lesefutter – von den damaligen ZACK-Comics bis zu Sachbüchern – kam dann Anfang der 70er Jahre auch PERRY RHODAN, und eine ganz neue Welt tat sich auf ...
Arndt Ellmer : Vom Lesen zum Schreiben war es ein kleiner Schritt für dich, aber ein großer für die Menschheit, um mal bei dem Armstrong-Zitat von der ersten Mondlandung zu bleiben. Uns interessiert, wie das im Einzelnen ablief. Und was meinte deine Familie dazu?
Rainer Castor : Zum intensiven Schreiben kam ich vor allem deshalb, weil sich auf diese Weise das »Angenehme« mit dem »Nützlichen« verbinden ließ. Inhaltlich waren meine Aufsätze im Deutschunterricht meist ganz gut, aber die Noten habe ich mir regelmäßig durch katastrophale Rechtschreibung und Zeichensetzung »versaut«.
Ich weiß heute nicht mehr genau, wie es zu dem Gespräch kam, aber meine Lehrerin schlug mir vor, die zunächst noch zögerlichen Schreibversuche fortzusetzen, da schon durch die Tätigkeit an sich, mit Spaß und Begeisterung ausgeführt, mehr hängen bleiben würde als durch stupides Grammatikpauken. Recht hatte die Gute; der Griff zum »Duden« war fortan völlig normal.
Und es blieb in der Tat einiges hängen: Die Abschlussklausur auf der Fachoberschule wies nur ein einziges, rot angemerktes fehlendes Komma auf – und nach intensiver Diskussion mit der Lehrerin samt genauem Studium des schon erwähnten »Dudens« zeigte dann, dass es sich um einen »Kann-Fall« handelte.
Dass inzwischen für den rein privaten Gebrauch einige tausend Seiten eines eigenen Science Fiction-Epos entstanden waren – allesamt noch mit der mechanischen Schreibmaschine getippt einschließlich der obligatorischen stark wechselnden Qualität der Farbbänder und vielen Tipp-Ex-Korrekturen – war die andere Seite dieses Hobbys.
Die Reaktion meiner Familie? Nun ja, über Jahre hinweg war es eher ein »mildes Lächeln«, verbunden wohl mit dem Gedanken: »Da kann er sonst keinen Unsinn machen«. In jener Zeit war es ja nur für den »Hausgebrauch« gedacht, ein Hobby eben, bei dem nicht einmal ich selbst an eine »Professionalisierung« dachte.
Arndt Ellmer : Warst du nur Leser, oder auch Fan und Aktivist? Oder gar Sammler und Freak?
Rainer Castor : Ich war stets nur Leser – Sammler insofern, dass ich die Texte komplett haben und lesen wollte. In gewisser Weise habe ich schon immer damit »gearbeitet«. Ich lese stets mit einem Stift in der Hand, streiche Interessantes an, schreibe Kommentare dazu oder markiere per Eselsohr, was für den Komplett- und Liebhaber-Sammler eine gräuliche Vorstellung sein dürfte.
Dieses Markierungssystem bildete auch die Grundlage späterer Datensammlungen und hilft mir bis heute, bestimmte Passagen ganz schnell zu finden.
Mit dem Fandom hatte ich in früheren Jahren nie etwas zu tun, wusste genau genommen nicht einmal, dass es so was überhaupt gibt. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich noch nie ein sonderlicher »Vereinsmeier« war. Meine ersten Cons waren die beiden Weltcons bei der Buchmesse in Frankfurt 1984 sowie Karlsruhe 1991, und in Sinzig war ich das erste Mal 1994, wenn ich es richtig im Kopf habe. Ich kannte da niemanden und stand schüchtern im Hintergrund herum.
Arndt Ellmer : Erzähle ein bisschen was über deine ersten Gehversuche als Autor. Hast du in Fanzines publiziert? Im Zeitungsfeuilleton? Wo hattest du deine erste Honorarveröffentlichung?
Rainer Castor : Die ersten Gehversuche stammen, wie schon erwähnt, aus den 70er-Jahren und waren damals allesamt nicht für die Veröffentlichung gedacht. Dass inzwischen beim BLITZ-Verlag mit »Gea, die vergessene Welt« wenigstens ein bearbeiteter erster Teil des »Epos« doch noch den einen oder anderen Leser erreicht hat, ist ein anderes Thema.
Anfang der 80er-Jahre habe ich dann eine ganze Reihe von längeren Artikeln zum PR-Kosmos geschrieben und damit zunächst
Willi Voltz und nach dessen Tod
Horst Hoffmann als LKS-Onkel genervt. Du hast, glaube ich, auch noch einige »abbekommen« ...
Aus jener Zeit stammt auch das erste Honorar für einen Text. Im PR-REPORT Nummer 108 in Heft
1180 erschien der Artikel »Auge zum Kosmos« und im PRR 110 in Heft
1188 der zu den Zellaktivatoren . Es war ein unglaubliches Gefühl, die eigenen Texte gedruckt zu sehen.
Danach dauerte es aber noch eine ganze Weile, bis aus dem puren Wunschtraum, professioneller Autor zur werden, auch Wirklichkeit wurde.
Das begann eigentlich Anfang der 80er, als ich – zu einem Zeitpunkt, als die zweite Staffel der
Atlan-Zeitabenteuer angelaufen war – alle nur auffindbaren »Erinnerungsandeutungen« der Hefte, Taschenbücher und dergleichen zusammenstellte, mit der einen oder anderen Andeutung versah und zur Post brachte.
Damals schon von
Atlan fasziniert, war ich sogar so frei, drei Zeitabenteuer selbst zu schreiben, welche auf ewig im Tresor verschwunden bleiben. Sie gingen zunächst über
Willi Voltz an Herrn Schelwokat, und ich kann mich »rühmen«, einen Absagebrief von ihm erhalten zu haben, unter anderem mit der Bemerkung (Zitat noch in der alten Rechtschreibung): »... mit Freude festgestellt, daß Sie sich in der PR-Materie recht gut auskennen ...« Und natürlich fehlte die obligatorische Abschlussbemerkung nicht, Zitat: »Allerdings müßten Sie Ihre Schreibe (auch Zeichensetzung und Orthographie) noch wesentlich verbessern ...«
Im zweiten Schritt gingen die Manuskripte an
Hanns Kneifel , dem sie »einen Heidenspaß bereiteten«. Seine Zeilen endeten in der Versicherung, er habe »auch ein paar gute Ideen« erfahren.
Nun, das war der Anfang.
Mehr oder weniger regelmäßig schickte ich ihm fortan Kritiken zu den erschienenen Taschenbüchern, formulierte die eine oder andere Idee oder gab Hinweise. Das Ganze gipfelte schließlich dass Kneifel mich auf seine unnachahmliche Art im PR-Taschenbuch 276 verbriet, wo ich plötzlich über eine »Siloanlage 5470 A« stolperte ("5470" war die alte Postleitzahl von Andernach), einen Roboter "Raicastor" sowie die bemerkenswerte Formulierung: »Er war verpflichtet, nicht zuletzt aus Selbstschutz, die zentrale Befehlsstelle von dem Ausmaß der geänderten Umstände zu verständigen. Raicastor gab Alarm ...«
Auf diese Weise verdichtete sich die Zusammenarbeit, die Frühfassung einer »Zeittafel« von
Atlans Erlebnissen entstand zu einem Zeitpunkt, als an eine Hardcover-Bearbeitung noch lange nicht zu denken war, wohl aber davon zu träumen.
Der nächste persönliche Höhepunkt war mit Taschenbuch 332 erreicht, als Hanns mit Einbindung von »Miracle« alias »Ring des Schreckens« einen Hilferuf an Wolfram Winkler und mich abließ, Motto: »Leute, ich hab die entsprechenden Atlan-Hefte nicht, könntet ihr ...«
Wir konnten, lieferten passende Ideen gleich mit – doch leider wurde das geplante Miracle-Konzept gekippt und auch eine Übernahme in die USO-Geschichten scheiterte. Nur in PR-Taschenbuch Nummer 355 ist die entsprechende Passage mit dem Besuch der Kuppelstation 2115 noch vorhanden; die Suchaktion Ricos nach Miracle flog aus den beiden folgenden Taschenbüchern raus (nur in TB 367 hat sich eine winzige Passage festgebissen, als Tek sagt, man rechne damit, »dass Abdullah Singh zurückkommt« – niemand anderes als Rico mit passendem Tarnnamen).
Im Januar 1992 war ich für einige Tage Gast bei Hanns in München, bei langen Diskussionen, gutem Rotwein, dem Durchsprechen der weiteren USO-Taschenbücher – und der Bereitschaft von Hanns, mich ein bisschen »unter die Fittiche« zu nehmen. Die folgenden zwei Jahre mit Nachkorrekturen meiner Manuskripte haben mir mehr gebracht als die vielen Jahre zuvor in autodidaktischer Heimarbeit.
Parallel dazu schrieb ich ein ATLAN-Taschenbuch-Manuskript, bot es
Klaus N. Frick an – und es wurde genommen. Unter dem Titel »Für Arkons Ehre« erschien es als PRTB 396 im März 1996. Einmal »dabei«, ergriff ich natürlich die Gelegenheit beim Schopf und überzeugte Klaus davon, auch die Fortsetzung zu übernehmen.
Unterdessen gab es über Hanns einen ersten Kontakt zum Haffmans-Verlag ...
Arndt Ellmer : Dem internationalen Lesepublikum bist du ja durch deinen dann bei Haffmans erschienenen historischen Roman »Der Blutvogt« bekannt geworden. Wie passt die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu deinem Faible für SF?
Rainer Castor : Ganz gut – für mich ist das kein Widerspruch, sondern etwas, das sich ergänzt. SF hat den großen Vorteil, letztlich alles einbeziehen zu können, vom Krimi über die Liebesgeschichte bis hin zu Aspekten, die beispielsweise in ferner Vergangenheit spielen. Schon Atlans Zeitabenteuer zeigen ja, dass sich SF und »historischer Roman« prima miteinander verknüpfen lassen.
Von daher verband sich für mich das Interesse für die Zukunft von jeher mit dem für die Vergangenheit. Denn ohne die Wurzeln dort und ihre Kenntnis gibt es schwerlich eine weitere Entwicklung. Ganz davon abgesehen, dass das Eintauchen in vergangene Zeiten und ihre Kulturen mindestens ebenso viel Phantasie erfordert wie das Entwerfen zukünftiger Welten.
Da beim »Blutvogt« überdies einige »phantastische Elemente« hineinspielten, ist der scheinbare Widerspruch noch deutlich kleiner, als er im ersten Moment erscheinen mag.
Arndt Ellmer : Im PERRY RHODAN-Team bist du der »Mister High Tech«. Du entwickelst neue Triebwerke mitsamt Beschleunigung und Energieverbrauch. Wenn ein Autor wissen will, wie lange man durch einen 1000 Meter hohen Antigrav schwebt und wie groß die übliche Geschwindigkeit darin ist, ruft er dich an.
Wenn einer wissen will, wie der Raumflug in der Nähe eines Schwarzen Loches funktioniert oder wie noch mal das Restaurant in der Solaren Residenz heißt, ruft er dich an.
Dein Job ist extrem zeitaufwändig. Wie viele Stunden pro Tag bringst du mit Serientechnik, PR-Kommentaren und Recherchen zu?
Rainer Castor : Meist läuft es auf einen Zehnstunden-Arbeitstag hinaus, häufig ist es auch mehr. Sonn- und Feiertage kannst du hierbei im allgemeinen ebenso vergessen wie Urlaub. Als Freiberufler habe ich allerdings den großen Vorteil, Beruf und Hobby vereinen und meine Arbeitszeit nach eigener Vorstellung einteilen zu können. Das ist mehr, als die meisten Leute von sich behaupten können.
Wie sich Hintergrundarbeiten, Recherchen, das Schreiben der PR-Kommentare und der Heftromane im Einzelnen aufteilen, lässt sich nicht mit genauen Prozentangaben beziffern, da es je nach Thema mit einem sehr unterschiedlichen Aufwand verbunden ist.
Tatsache ist allerdings, dass diese Arbeit »im Hintergrund«, zu der letztlich auch die Bearbeitung der ATLAN-Hardcover gehört, in den letzten Jahren mehr und mehr Zeit beansprucht und für das Romanschreiben immer weniger übrig lässt.
Arndt Ellmer : Unsere Leser interessieren sich auch ein bisschen für Statistik. Wie viele eigene Hardcover hast du bisher geschrieben? Und Taschenbücher, Hefte?
Wie viele ATLAN-Romane hast du für die Buchausgabe bearbeitet?
Rainer Castor : Eigene Hardcover sind es bislang vier, die Arkon-Trilogie im Rahmen der ATLAN-Bücher sowie die Hardcover-Ausgabe des »Blutvogts«. Taschenbücher erschienen drei im Rahmen von PERRY RHODAN Dazu rechne ich die Taschenbuchausgabe des »Blutvogts« bei Heyne, die es aktuell bis zur 3. Auflage gebracht hat. Als Paperback-Ausgabe ließe sich in diese Sparte auch »Gea« einordnen.
ATLAN-Bearbeitungen sind es bis einschließlich Band 24 schon acht; die Bände 17 bis 19 gibt es inzwischen auch als französische Übersetzung, jeweils in Form von zwei Taschenbüchern pro Band.
Heftromane sind es bisher 23 für die PERRY RHODAN-Serie (zwei davon gemeinsam mit
Uwe Anton geschrieben), drei Romane für den
TRAVERSAN-Zyklus plus dem ATLAN-Extra-Band sowie einer für die CENTAURI-Miniserie .
Arndt Ellmer : Der Beruf als Autor war dir offensichtlich in die Wiege gelegt. Wenn du nicht Autor hättest werden wollen, welche Laufbahn hättest du dann eingeschlagen?
Rainer Castor : Gute Frage. Inzwischen kann ich mir gar nichts anderes mehr vorstellen, zumal der Wunsch ja mehr oder weniger unbewusst von früher Kindheit vorhanden war.
Rein von der Berufsausbildung schien mir der Weg zum Baustoffprüfer und zum Bauingenieur klar vorgezeichnet zu sein. Doch es war nicht das, was ich wirklich machen wollte, obwohl sich das technisch-naturwissenschaftliche Interesse natürlich bis heute erhalten hat. Zwar kam in jener Zeit der Wunsch hinzu, als Autor zu arbeiten, doch auch ohne diesen wäre es wohl nicht auf den Ingenieursjob hinausgelaufen.
In den 80er- und 90er-Jahren hatte ich eine ganze Reihe von Jobs, die stets eine Gratwanderung zwischen »genug Geldverdienen« einerseits und »genug Zeit fürs Schreiben« darstellten.
Keine Ahnung, wohin mich der Weg geführt hätte, wäre letztlich nicht doch der des Autors herausgekommen.
Arndt Ellmer : Welches Projekt würdest du gern machen, wenn du endlich mal Zeit hättest?
Rainer Castor : Das liegt ja nahe. Einerseits liebäugele ich mit dem einen oder anderen historischen Roman, andererseits läge mir eine Fortführung der Bearbeitung jener Uralt-Manuskripte meines »Gea-Kosmos« am Herzen.
Zu Letzterem haben
Uwe Anton und ich sogar mal eine Zusammenarbeit angedacht, doch aus eben den genannten Zeitgründen ist bislang noch nichts daraus geworden. Mal sehen, vielleicht ergibt sich über kurz oder lang doch noch die Möglichkeit ...
Arndt Ellmer : Lieber Rainer, vielen Dank für dieses Gespräch.