26. November 2004
Ein Interview mit dem PERRY RHODAN-Autor.
Im PERRY RHODAN-Heft
2257 erschien auf der Leserkontaktseite ein Interview mit dem PERRY RHODAN-Autor Michael Nagula. Hier könnt ihr nun die ungekürzte Fassung lesen.
Er ist Übersetzer, Autor und neuerdings auch Verleger. Im PERRY RHODAN-Team ist er seit Mai 2003, nachdem er schon vorher einige Gastromane zur Serie beigesteuert hatte. In seinem Haus in Hanau hat er sich uns für ein paar Fragen zur Verfügung gestellt.
Arndt Ellmer: Lieber Michael, mit deinem Namen verbindet man zunächst zahlreiche Übersetzungen von Comics, etwa bei »Micky Maus« und »Spider-Man«, und das schon recht lange. Wann begann deine Laufbahn als Comic-Übersetzer?
Michael Nagula: Ach du meine Güte, wann fing das an? Eigentlich schon im März 1986. Da übersetzte ich für den damaligen Condor-Redakteur Klaus Strzyz ein »Fantastische Vier«-Taschenbuch. Wir hatten uns in einem Frankfurter Comicladen kennen gelernt. Frank Millers »Daredevil« und John Byrnes »Superman« schlugen gerade hohe Wellen. Als wir so plauderten, fragte mich Klaus, ob ich nicht mal einen Comic übersetzen wolle. Todesmutig ging ich ans Werk.
An dem Ergebnis muss er noch viel herumgefeilt haben. »Shakespeare«-Deutsch nannte er meinen Versuch, den Hefttext des Originals für das deutsche Taschenbuchformat »einzudampfen«. Statt locker den Inhalt nachzugestalten, stanzte ich alles in stahlharten Imperfekt - und machte mich dann erst mal vom Acker, um in England am Eton College ein halbes Jahr als »German Assistant Teacher« tätig zu sein.
Von England aus arbeitete ich weiter als Übersetzer und Redakteur für Bastei und Luchterhand. Wieder in Deutschland, übernahm ich dann einige Bildbände von Boris Vallejo und Tim White, eine illustrierte Elric-Geschichte von Moorcock und einen Rolling-Stones-Bildband, den ich stilecht ins Deutsche brachte, quarzend und plörrend, in den Kopfhörern das Grölen von »Satisfaction« - einige Nächte durch.
Das waren allerdings keine Arbeiten für Condor, sondern für Alpha-Comic, die damals »Schwermetall« und »U-Comix« verlegten. Redakteur war ein gewisser Achim Schnurrer, der jetzt die gepflegten
PERRY RHODAN-Hörbücher herausbringt ...
Bevor ich mich zu sehr in Details verliere, ich wurde Strzyzens Nachfolger bei Condor und war dort bis Ende 1996 Redakteur und »deutscher Textfinder« für die Marvel-Produktion. Dann wurde die Lizenz leider nicht verlängert, weil Panini den Zuschlag bekommen hatte.
Meine Highlights bei Condor sind aus heutiger Sicht sicher die »Spinne«-Editionen mit Todd McFarlane und Erik Larsen. Für diese Alben und einige Hefte und Taschenbücher habe ich übrigens auch RHODAN-Autoren angesprochen, ob sie nicht eine Prosastory mit dem Netzschwinger beitragen wollten. Einige haben sich dann tatsächlich als Marvel-Fans geoutet.
Robert Feldhoff und der verstorbene
Peter Griese waren mit von der Partie,
Susan Schwartz und Dirk Hess nahmen sich den Hulk vor, und du, Arndt, hast bekanntlich einen Cthulhu-Dreiteiler über den Bösewicht Venom geschrieben.
Arndt Ellmer: Die Marvel-Produktion hatte für dich also den größten Stellenwert ...
Michael Nagula: Damit habe ich meine Brötchen verdient. Ich habe auch für Carlsen gearbeitet, »Jerry Spring«, »Valhardi« und einiges andere mehr gemacht. Für Feest habe ich unter dem Namen »Digit P-3« die »Star Trek«-Alben übersetzt, was mich dann 1999 einholte, als ich für Dino »Star Trek« und »Star Wars« zu übersetzen begann. Aber Condor war acht Jahre lang mein zweites Standbein - neben Redaktionsarbeiten und Buchübersetzungen für Bastei und Luchterhand ...
Arndt Ellmer: Und bist schließlich oder sogar zwangsläufig bei der »Micky Maus« gelandet. Einigen PERRY RHODAN-Lesern sind in Heft Nummer 52/2003 die Namen von PR-Autoren aufgefallen.
Michael Nagula: Ich habe noch unter der Redaktion von Dorit Kinkel bei der »Maus« angefangen, das muss so Mitte 1990 gewesen sein. Als Kind war ich ganz vernarrt in die Entengeschichten und hatte deshalb einfach mal im Verlag angerufen.
Später lief dann witzigerweise alles wieder über den Außenredakteur Klaus Strzyz, der inzwischen für »Micky Maus« arbeitete. Einer der beiden Nachfolger von Frau Kinkel wurde dann Joachim Stahl, mit dem ich heute noch oft und gern zusammenarbeite - übrigens ein Jugendfreund von Klaus Frick aus Fanzeiten.
Jedenfalls zuckte Joachim nicht mit der Wimper, als ich die Namen
Leo Lukas,
Klaus Mahn alias Kurt Mahr,
Hans Kneifel,
Claudia Kern und
Andreas Findig in eine Weihnachtsgeschichte mit Donald einbaute.
Er fand’s klasse, und den Lesern hat’s auch gefallen.
Arndt Ellmer: Neben deiner emsigen Tätigkeit für die Comics zählst du zu den versiertesten und fleißigsten Roman-Übersetzern in Deutschland. Hast du bestimmte Lieblingsgenres und Lieblingsautoren? Und welche würdest du als deine bisher gelungenste Übersetzung bezeichnen?
Michael Nagula: Mein Lieblingsgenre ist die Science Fiction, aber ich fühle mich auch in der Fantasy, im Krimi und im Horror sehr wohl. Im Laufe der Zeit habe ich auch einige Sachtexte übersetzt, einmal sogar ein Jugendlexikon für Kaufhäuser teils übersetzt und teils mitverfasst ...
Meine besten Übersetzungen sind zwei Romane von Philip K. Dick, nämlich »Marsianischer Zeitsturz« und »Eine andere Welt«, beide bei Heyne erschienen, sowie eine fette Dick-Biografie von Laurence Sutin, zu der ich eine 100 Seiten umfassende deutsche und US-Bibliografie beitrug. Der Verleger - das war damals Haffmans - war total geplättet.
Aber auch auf eine Storysammlung von Arthur C. Clarke mit 500 Seiten bin ich sehr stolz und auf Bücher von Samuel R. Delany, Robert B. Parker, eine Cyberpunk-Trilogie von Alexander Besher und meine Aliens-Übersetzungen bei Goldmann/Blanvalet, die demnächst wohl eine Fortsetzung in einem anderen Verlag erfahren werden. Lass dich überraschen!
In der Fantasy sind es John Marco, Kristen Britain und die aktuellen »Darkover«-Romane, auch wenn letztere nicht mehr von Marion Zimmer Bradley geschrieben sind. In ihrer Welt der blutroten Sonne kenne ich mich durch fünf enzyklopädische Broschüren, die ich für Weltbild zusammenstellen durfte, und die Betreuung der dort erschienenen Sammler-Edition bestens aus. Das war, bevor ich dort die Herausgabe der
PERRY RHODAN-Planetenromane betreute.
Arndt Ellmer: Uff, das ist ziemlich viel Holz. Das bringt mich auf die vermutlich unvermeidliche Frage, wieso man einen solchen Beruf ergreift. Ist es Liebe zu Büchern seit der Kindheit?
Michael Nagula: Ich kann mir ein Leben ohne Bücher nicht vorstellen. Gäbe es keine, wäre ich Wanderprediger oder Geschichtenerzähler geworden. Ich habe immer ein Buch dabei, egal wohin ich gehe. Es könnte sich ja eine Gelegenheit zum Lesen ergeben.
Schreiben ist für mich weniger ein Beruf als eine Leidenschaft. Ich habe meine ersten Hefte als Gymnasiast veröffentlicht. Mitte der Achtziger Jahre fragte ich mich dann, was ich eigentlich beruflich machen wollte. Ich zählte eins und eins zusammen, stellte fest, dass ich von meiner Hände Arbeit leben konnte, und damit war für mich klar: »Na das, was du die ganze Zeit machst!«
Seitdem betrachte ich das Schreiben, egal in welcher Form, als meinen Beruf.
Arndt Ellmer: Bleiben wir noch ein bisschen beim Lesen. Du warst in deiner Jugend Fan von PERRY RHODAN. Wovon noch?
Michael Nagula: Wovon nicht? Erst waren es Kinderbücher und die obligatorische »Bravo«, dann Karl May und Hans Dominik, später Comics jedweder Art. He, ich gehöre der »Zack«-Generation an! Von »Superman« über »Fix & Foxi« bis »Pepito« und »Kobra« habe ich alles verschlungen, sogar die »Mecki«-Seiten in der »Hör zu«.
Und genauso ging es dann mit den Heftromanen weiter - genreübergreifend, Hauptsache phantastisch. Neben PERRY RHODAN, ATLAN und überhaupt sämtlicher SF las ich »John Sinclair«, DÄMONENKILLER, »Gespenster-Krimi« und »Macabros«, an dem ich später sogar mitschreiben durfte. Und um mir die ältere SF leisten zu können, von der die Antiquariate überquollen, habe ich auf dem Flohmarkt meine Märchen-Schallplatten verhökert und meine Comics eingetauscht. Dann griff die Sammel- und Leseleidenschaft auch noch auf SF-Taschenbücher über, und da gab es eine Menge Reihen und Serien.
Wenn ich mir das im Nachhinein jetzt klarmache, steckte doch ein gehöriges Suchtpotenzial dahinter.
Arndt Ellmer: Du hast es gerade schon angedeutet. Romane hast du in der Frühzeit deines Schaffens auch geschrieben.
Michael Nagula: Ich bekam sehr früh mit, dass Romane von unterschiedlichen Autoren stammen, selbst wenn kein Verfasser genannt wird. Und ich hatte mir so viel angelesen, das musste einfach raus. Ein Ventil war die Fanszene, in der ich mich schnell und gut einlebte. Zunächst gab ich einige Fanzines heraus, schrieb bei etlichen anderen mit und hielt ständigen Briefkontakt mit gut drei Dutzend der rührigsten Fans. Man beachte, dass das noch vor der E-Mail-Zeit war, man musste die Briefe noch einzeln eintüten und zur Post bringen.
Meine fannischen Zeitgenossen waren übrigens
Uwe Anton,
Hubert Haensel,
Horst Hoffmann und Werner Kurt Giesa, allerdings hatte ich nur mit letzterem persönlich Kontakt - nicht zu vergessen
Peter Griese und der jetzt so überraschend verstorbene
Thomas Ziegler.
Gemeinsam mit Manfred Weinland, der mich bei meinen Fan-Projekten unterstützte, schrieb ich meinen ersten Roman. Es war auch sein erster. PERRY RHODAN-Lektor Günter M. Schelwokat lehnte ihn zwar ab, forderte mich aber zu Soloarbeiten auf. Daraufhin entstanden meine vier Romane für TERRA ASTRA, einer gemeinsam mit Roland Rosenbauer. Als Hauptfigur wählten wir eine Figur aus einem anderen Roman von ihm - einen Weltraumtramp.
Ferner kam ich in Kontakt mit Dan Shocker, dem Erfinder des »Grusel-Krimis«. Hinter diesem Namen verbarg sich Jürgen Grasmück, ein alter Freund von
Clark Darlton,
Kurt Brand und der Familie Voltz. Als Jürgen Grasse und Jay Grams schrieb er selbst viel SF. Er sitzt im Rollstuhl, und seine Krankengymnastin war die Mutter eines engen Freundes von mir, Alexandro Laue. Das sind die Zufälle, die das Leben bereit hält.
Während Manfred Weinland über die Agentur Grasmück sehr erfolgreich Horrorromane an Bastei verkaufte, wurde ich erst im »Grusel-Krimi« und dann bei »Macabros« eingesetzt. Nach fast zwanzig Jahren Funkstille habe ich jetzt wieder Kontakt zu den Grasmücks und zu Werner Giesa ... und Manfred ... und ...
Mitte 1996 stach mich der Hafer. Ich wollte wieder selbst etwas schreiben, nicht mehr nur übersetzen. Und so arbeitete ich ein Exposé aus und schrieb die ersten zehn Seiten eines PERRY RHODAN-Planetenromans. Plumps, da wurde die Reihe eingestellt!
Doch plötzlich waren sie alle wieder da. Zuerst du, Arndt. Du schlugst mir vor, einen Frauenroman für Kelter zu Ende zu schreiben, für den du keine Zeit mehr fandest. Das machte ich natürlich gern. Immerhin fragte ich mich, ob ich so was wohl hinbekäme - und so wurde ich zur einen Hälfte von Diana del Monte. Ich rätsele heute noch, zu welcher.
Dann kam ich auf einem Buchmesse-Con in Frankfurt mit Manfred ins Gespräch, der mich fragte, ob ich ihm nicht bei »Das Volk der Nacht« aushelfen könne. Das machte ich natürlich gern. Anschließend wandte ich mich an die Leute von »Ren Dhark«, schickte ihnen eine längere Erzählung, die nach kurzer telefonischer Absprache entstanden war, und wir vereinbarten einen Sonderband, der mir auch sehr viel Spaß gemacht hat. Leider war die folgende Entwicklung nicht mehr so erfreulich, weshalb ich dort meinen Abschied nahm ...
Heute erscheint es mir fast zwangsläufig, dass ich im Zuge dieser Entwicklung zum Team um PERRY RHODAN gestoßen bin. Irgendwie schließt sich damit für mich ein Kreis. Ich war ein großer Fan von Voltz und Scheer, mit denen ich damals Kontakt hatte - das hat mich nie mehr losgelassen.
Arndt Ellmer: Zur größten SF-Serie der Welt hast du inzwischen acht Romane beigesteuert. Der nächste erscheint kommende Woche. Aber damit nicht genug, hast du dich inzwischen einer weiteren Herausforderung gestellt. Du bist Verleger geworden.
Michael Nagula: Ja, ein Teil von mir wechselt gerade die »Fronten«. Zusammen mit dem erfolgreichen Verleger Frank Festa habe ich einen Verlag gegründet, der unter dem Label »Festa SF« Science Fiction vom Feinsten herausbringt. Es handelt sich um eine Taschenbuchreihe, die vorerst zweimonatlich erscheint, aber sobald wie möglich auf monatlich umgestellt werden wird. Amerikanische und ein kanadischer Autor in Erstveröffentlichung, absolute Spitzenkönner, die hierzulande leider den Programmkürzungen der letzten Jahre zum Opfer gefallen sind. In erstklassiger Übersetzung, versteht sich.
Jetzt im November starten wir! Gerade korrigiere ich die Fahnenabzüge unserer ersten beiden Bücher, »Welten und Zeit genug« von Dan Simmons und »Enders Schatten« von Orson Scott Card. Letzteren hatte ich übrigens das Vergnügen und die Ehre, vor ein paar Wochen auf dem Elster-Con in Leipzig persönlich kennen lernen zu dürfen. Ein unglaublich sympathischer Mensch! Ich bin froh, ihn für unseren Verlag gewonnen zu haben, und »Enders Schatten« ist nur der erste von vielen Romanen, die wir von ihm bringen werden.
Unsere nächsten drei SF-Titel stehen auch schon fest! Es geht weiter mit »Die Neanderthal-Parallaxe«, dem Hugo-Preisträger 2003 von Robert J. Sawyer. Wir werden im Laufe der Zeit das Gesamtwerk dieses Autors bringen - er ist eine Entdeckung von uns, der uns mit jedem folgenden Buch mehr begeistert! Dann kommt »Der Himmel, so weit und schwarz«, der absolut beste Roman, den John Barnes bisher geschrieben hat. Und mit »Sternspringer« starten wir eine Trilogie von Nancy Kress, unbestritten eine der besten SF-Autorinnen, die der englischsprachige Raum zu bieten hat. Das sind Klassiker von Morgen!
Na, du merkst schon, ich bin völlig begeistert. Ich bin sicher, die Leser werden es genauso sehen und uns Rückendeckung für die nächsten Projekte geben. Wir haben nämlich noch einiges vor in Sachen Science Fiction!
Arndt Ellmer: Lieber Michael, herzlichen Dank und alles Gute für die Zukunft.