14. November 2008
Über PERRY RHODAN & Alien Earth II
Die Fortsetzung des Borsch-Interviews

"Man darf den Lesern niemals zu viel verraten"
- Teil 2 -
GN: Wenn man ein zusammenhängendes Werk von 1.500 Seiten schreibt: Was sind die besonderen Schwierigkeiten? Welche Methoden haben dir geholfen, den Überblick zu bewahren und die Spannung aufrechtzuerhalten?
FB: Die größte Schwierigkeit ist ganz klar, durchzuhalten. Das übrige Leben geht ja weiter, und oft kommt es einem vor, als hätte sich alles gegen einen verschworen. Irgendetwas geht immer schief und hindert einen daran, an den Schreibtisch zu kommen. (Oder man schafft es an den Schreibtisch, sitzt aber da wie ein Zombie, weil der ein Jahr alte Sohn die Nacht mal wieder nicht durchgeschlafen hat ...).
Geholfen bei der Arbeit hat mir vor allem diverse Software. Ich habe während der Arbeit die Programme mehrfach gewechselt und bin schließlich bei einer Kombi gelandet, die wohl eine Zeitlang Bestand haben wird. Ein Mindmapping-Programm, ein Outliner und ein Schreibprogramm: "Scrivener". "Scrivener" stammt von einem Engländer, der selbst
schreibt und so unzufrieden mit der angebotenen Software war, dass er sich Programmieren beibrachte und seine eigene schrieb. Das Ergebnis ist "Scrivener", und es erfüllt so ziemlich jeden meiner Wünsche. (Ein technischer Hinweis: "Scrivener" gibt es nur für Mac OS. Ob es etwas Vergleichbares auch für Windows gibt, weiß ich nicht.)
Die Spannung hochzuhalten war eigentlich fast der einfachste Teil. Das Ausgangszenario von "Alien Earth" hat sich als so stark erwiesen, das sich der Rest fast von alleine ergab. Ich musste mich eigentlich nur fragen, was diese Situation für die Menschen bedeuten könnte - und es umsetzen.
GN: Zu "Alien Earth - Phase 1" gibt es sogar schon ein Theaterstück. Warst du an der Arbeit dazu beteiligt? Wenn ja: Welche Erfahrungen hast du dabei gemacht? Wenn nein: dieselbe Frage :-)
FB: Ein Theaterstück war so ungefähr das Letzte, an das ich beim Schreiben gedacht habe. Die Überraschung war also riesig. An den Arbeiten war ich nicht beteiligt, aber das Theaterhaus Jena hat mich zur Premiere im Mai eingeladen, und das war ein schönes Erlebnis. Ich wurde unheimlich freundlich empfangen, und das Ganze kam mir vor wie ein
Vorstoß in eine fremde Welt: Theater ist einfach anders. Manche Dinge, für die ich im Roman ganze Seiten brauche, werden mit ein paar Gesten ausgedrückt. Andersherum gibt es Dinge, die auf der Bühne fast nicht umzusetzen sind. - Im Herbst sollte das Stück in Jena wieder auf dem Spielplan stehen.
GN: In welchem Alter hast du mit dem Schreiben angefangen? Und wie kamst du dazu?
FB: Ich war schon von früh an ein leidenschaftlicher Leser. "Perry Rhodan" hat mir da viele Türen geöffnet. Trotzdem hatte ich eigentlich keine Pläne, Autor zu werden. Dass es jetzt so gekommen ist, verdanke ich einer Reihe von Zufällen, die vor knapp zwölf Jahren bei einem
Schreib-Seminar ihren Ausgang genommen haben ...
GN: Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei dir aus?
FB: Ich bin ein Morgenmensch. Bevor mein Sohn Tim auf die Welt gekommen ist, bin ich oft schon um sechs aufgestanden und habe losgelegt. Jetzt beginne ich so um acht, nachdem ich Tim in den Kindergarten gebracht habe. Ich schreibe bis Mittag, dann ist die Batterie leer. Mittags mache ich Sport, um die Batterie wieder aufzuladen, und mache dann nachmittags meist die tausend Arbeiten um das eigentliche Schreiben wie redigieren, Mails beantworten, Interviews geben ... ;-)
GN: Wie gehst du an eine Story / einen Roman heran? Entwickelst du zunächst ein (ausführliches?) Exposé? Wenn ja: Was gehört für dich unbedingt da hinein?
FB: Am Anfang steht immer eine Idee, aus der sich alles Weitere ergibt. Sie reift im Hinterkopf heran, und irgendwann schreibe ich sie in Grundzügen auf. Nach und nach entwickelt sich alles Weitere: Personen, Orte, Handlung. Manchmal stimmt der fertige Roman mit der Grundidee weitgehend überein, aber meistens stelle ich verblüfft fest, dass nur noch entfernte Ähnlichkeiten bestehen. Und das ist gut so: Ein guter Roman muss wachsen.
Ein Exposé schreibe ich nur in sehr knappen Zügen. Irgendwann habe ich alle Handlungslinien zusammen, dann überlege ich, was in ihnen passieren soll und wie viele Kapitel ich dafür brauche. Im Outliner bekommt dann jedes Kapitel eine Nummer und eine Kurzbeschreibung (einen oder zwei Sätze). Auf diese Art und Weise bewahre ich den Überblick, und gleichzeitig bleibe ich flexibel. Ich kann jederzeit die Reihenfolge
durcheinander werfen, neue Kapitel hinzufügen oder überflüssig gewordene rausschmeißen.
GN: In deiner Trilogie "Alien Earth" überzeugen - neben allem anderen - auch die Charaktere, was in der Science-Fiction ja nicht immer der Fall ist. Wie hast du sie entwickelt? Es gibt für die Hauptcharaktere in den Büchern ja auch Quartettkarten, was ich für eine tolle Möglichkeit halte (s. "Schreib-Kick" in diesem Tempest), Charaktereigenschaften auf den Punkt zu bringen - nicht nur für die LeserInnen, sondern auch für den Autor, die Autorin selbst. War das Quartettspiel nur eine weitere Textform für die Einschübe in deinen Büchern, oder hast du es beim Schreiben selbst auch als Technik für die Charakterentwicklung
verwendet?
FB: Die Charaktere ergeben sich aus dem Szenario: Stell dir vor, wir haben das Jahr 2065, der Erde geht das Öl aus, der Wasserspiegel und die Temperaturen steigen unaufhörlich, und im Orbit (und dir im Nacken) hängt ein Raumschiff, das täglich wächst, unzerstörbar ist und
sich im Weiteren auf die Funkbotschaft "Fürchtet euch nicht!" beschränkt. Was würdest du tun? "Phase 1" greift in den drei Handlungsschienen drei mögliche Antworten auf: 1. Die Aliens sind Teufel / Invasoren / Feinde, wir müssen sie bekämpfen. 2. Die Aliens sind unsere Retter. Wir müssen Kontakt zu ihnen aufnehmen. 3. Was kümmern mich die Aliens? Die zahlen auch nicht meine Miete, oder?
Ein Grundprinzip ist die Erzählweise "von unten": Alle Charaktere sind gewöhnliche Menschen, die in einer ungewöhnlichen Zeit bestehen müssen. Sie haben Angst, sie hoffen und sie sind verwirrt, wenn nicht verstört. Sie verstehen nicht, was vor sich geht. Mit anderen Worten: Sie sind wie wir. Mir war das sehr wichtig. In der Science-Fiction ist ja die "Feldherrenperspektive" weit verbreitet. Die Charaktere stehen weit oben in der Hierarchie, haben den Überblick über die Lage und die Lage und sich selbst im Griff. Das funktioniert, weil der Leser es genießt, in diese Rolle zu schlüpfen. Mir ist das aber, ehrlich ge-
sagt, zu langweilig.
Beim Quartettspiel in "Phase 2" ist der Spieltrieb mit mir durchgegangen. Die Zwischenkapitel, so nenne ich die Einschübe, waren für mich eine der großen Überraschungen bei "Alien Earth". Begonnen habe ich sie eigentlich aus dem ganz banalen Grund, um Informationen über meine Zukunftswelt zu geben, ohne den Fließtext damit zu belasten. Das hat auch prima funktioniert, aber ziemlich schnell wurde mir klar, dass in
den Zwischenkapiteln noch viel mehr steckt: eine Spielwiese, in der alles möglich ist. Keine Idee, zeigte sich, war zu wild, um sie nicht einzubauen, kein Zynismus zu bitter, kein Humor zu schwarz. Und zum Teil haben die Zwischenkapitel ein Eigenleben entwickelt: Manche von ihnen verbinden sich zu neuen Geschichten, die sich über zwei oder sogar alle drei Bände erstrecken. Bei den Lesern kommen sie super an: Selbst Leute, die mit den Romanen nicht so viel anfangen können, finden die Zwischenkapitel einfach prima.
GN: Eigene Texte zu überarbeiten, das fällt vielen besonders schwer. Wie gehst du beim Überarbeiten vor? Hast du dafür einige Tipps für angehende AutorInnen?
FB: Ich finde das Überarbeiten eigentlich den einfacheren Teil. Die eigentliche Schwierigkeit ist das Schreiben. Ich gehe über alles mehrmals drüber. Anfangs am Bildschirm, später auf Papier. Ich lese dann erst in Handlungslinien, später in der Reihenfolge, wie sie im ferti-
gen Buch veröffentlicht werden. Tipp habe ich nur einen: Abstand. Wenn irgend möglich, sollte man seinen Text mal für einige Zeit (eine oder mehrere Wochen) beiseite legen und dann noch einmal drüber gehen. Das Ergebnis ist verblüffend!
GN: Hast du KritikerInnen, deren Meinung du vor einer Überarbeitung einholst? Wenn ja: Was schätzt du an KritikerInnen besonders, und was erwartest du von ihnen?
FB: Bevor Tim auf die Welt kam, hat Geli, meine Frau, alle meine Texte gelesen. Leider reicht in unserem Leben mit Kind die Zeit jetzt nicht mehr dazu. Geli ist eine aufgeweckte, hellwache Leserin - und interessiert sich eigentlich nicht für Science-Fiction. Das empfinde ich als Vorteil, denn ein Text sollte in sich selbst funktionieren und nicht nur, weil er einem bestimmten Genre zugeordnet ist. Für mich ist Gelis Feedback die erste Kontrollinstanz: Begeistert ein Text nicht, ist er durchgefallen. Dann kann Geli oft die Gründe nennen, oder ich komme nach einigem Nachfragen und Nachdenken selbst darauf.
Allerdings stelle ich fest, dass mein "innerer Kompass" im Lauf der Jahre immer zuverlässiger geworden ist. Meine eigenen Einschätzungen werden zunehmend treffgenauer. Mit anderen Worten: Ich merke es meistens, wenn ich Mist geschrieben habe.
GN: Du hast dich bei leserun.de mit kritischen LeserInnen von "Alien Earth" auseinandergesetzt. Wie war das?
FB: Eine schöne Erfahrung. Allerdings eine, die ich nicht so ausschöpfen konnte, wie ich es gewollt hätte. Will man langfristig als Autor arbeiten, muss man seine Kräfte einteilen. Immer nur Schreiben (oder andere Arbeiten am Schreibtisch) geht nicht. Man muss sehen, dass man noch lebt. Und zum Zeitpunkt der Leserunden war ich ziemlich über dem
Limit, was die Arbeit angeht.
GN: Hast du Erfahrungen mit Schreibworkshops oder -zirkeln? Welche?
FB: Klar habe ich die, wir haben uns ja vor zehn Jahren auf einer Schreibwerkstatt kennengelernt. :-) Allerdings ist es bei zwei oder drei Werkstätten geblieben. Die waren aber enorm wichtig für mich. Das hat später nachgelassen, und - siehe oben - die Einteilung der Kräfte bedeutet eben auch, ab und zu einen Strich zu ziehen und Dinge nicht zu tun.
GN: Was wünschst du dir von deinen LeserInnen?
FB: Natürlich Begeisterung! :-)
Im Ernst: Das Wichtigste beim Schreiben von Romanen ist die Unterhaltung. Ich will meine Leser mitreißen, begeistern. Alles Weitere ist optional. "Alien Earth" kann man auf viele Weisen lesen: als herkömmliches SF-Epos, als Gesellschaftskritik, als eine Erforschung der
menschlichen Seele, als Panorama einer gar nicht so unwahrscheinlichen Zukunft und vieles mehr. Welche Weise zum Zug kommt, bestimmt jeder Leser, jede Leserin für sich selbst.
GN: Hast du noch einen letzten Tipp für unsere LeserInnen?
FB: Ja: Quäle dich niemals durch ein Buch, das dir nichts sagt. Ich wundere mich immer wieder, wie viele Leute in meinem Freundes- und Bekanntenkreis sich durch Bücher quälen, die ihnen keinen Spaß machen. Ich finde, das ist Quatsch. Es gibt buchstäblich Millionen von Büchern, unter denen man auswählen kann. Wenn etwas für dich nicht funktioniert, dann leg es weg!
GN: Vielen Dank das Interview!

- Teil 2 -
GN: Wenn man ein zusammenhängendes Werk von 1.500 Seiten schreibt: Was sind die besonderen Schwierigkeiten? Welche Methoden haben dir geholfen, den Überblick zu bewahren und die Spannung aufrechtzuerhalten?
FB: Die größte Schwierigkeit ist ganz klar, durchzuhalten. Das übrige Leben geht ja weiter, und oft kommt es einem vor, als hätte sich alles gegen einen verschworen. Irgendetwas geht immer schief und hindert einen daran, an den Schreibtisch zu kommen. (Oder man schafft es an den Schreibtisch, sitzt aber da wie ein Zombie, weil der ein Jahr alte Sohn die Nacht mal wieder nicht durchgeschlafen hat ...).
Geholfen bei der Arbeit hat mir vor allem diverse Software. Ich habe während der Arbeit die Programme mehrfach gewechselt und bin schließlich bei einer Kombi gelandet, die wohl eine Zeitlang Bestand haben wird. Ein Mindmapping-Programm, ein Outliner und ein Schreibprogramm: "Scrivener". "Scrivener" stammt von einem Engländer, der selbst
schreibt und so unzufrieden mit der angebotenen Software war, dass er sich Programmieren beibrachte und seine eigene schrieb. Das Ergebnis ist "Scrivener", und es erfüllt so ziemlich jeden meiner Wünsche. (Ein technischer Hinweis: "Scrivener" gibt es nur für Mac OS. Ob es etwas Vergleichbares auch für Windows gibt, weiß ich nicht.)
Die Spannung hochzuhalten war eigentlich fast der einfachste Teil. Das Ausgangszenario von "Alien Earth" hat sich als so stark erwiesen, das sich der Rest fast von alleine ergab. Ich musste mich eigentlich nur fragen, was diese Situation für die Menschen bedeuten könnte - und es umsetzen.
GN: Zu "Alien Earth - Phase 1" gibt es sogar schon ein Theaterstück. Warst du an der Arbeit dazu beteiligt? Wenn ja: Welche Erfahrungen hast du dabei gemacht? Wenn nein: dieselbe Frage :-)
FB: Ein Theaterstück war so ungefähr das Letzte, an das ich beim Schreiben gedacht habe. Die Überraschung war also riesig. An den Arbeiten war ich nicht beteiligt, aber das Theaterhaus Jena hat mich zur Premiere im Mai eingeladen, und das war ein schönes Erlebnis. Ich wurde unheimlich freundlich empfangen, und das Ganze kam mir vor wie ein
Vorstoß in eine fremde Welt: Theater ist einfach anders. Manche Dinge, für die ich im Roman ganze Seiten brauche, werden mit ein paar Gesten ausgedrückt. Andersherum gibt es Dinge, die auf der Bühne fast nicht umzusetzen sind. - Im Herbst sollte das Stück in Jena wieder auf dem Spielplan stehen.
GN: In welchem Alter hast du mit dem Schreiben angefangen? Und wie kamst du dazu?
FB: Ich war schon von früh an ein leidenschaftlicher Leser. "Perry Rhodan" hat mir da viele Türen geöffnet. Trotzdem hatte ich eigentlich keine Pläne, Autor zu werden. Dass es jetzt so gekommen ist, verdanke ich einer Reihe von Zufällen, die vor knapp zwölf Jahren bei einem
Schreib-Seminar ihren Ausgang genommen haben ...
GN: Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei dir aus?
FB: Ich bin ein Morgenmensch. Bevor mein Sohn Tim auf die Welt gekommen ist, bin ich oft schon um sechs aufgestanden und habe losgelegt. Jetzt beginne ich so um acht, nachdem ich Tim in den Kindergarten gebracht habe. Ich schreibe bis Mittag, dann ist die Batterie leer. Mittags mache ich Sport, um die Batterie wieder aufzuladen, und mache dann nachmittags meist die tausend Arbeiten um das eigentliche Schreiben wie redigieren, Mails beantworten, Interviews geben ... ;-)
GN: Wie gehst du an eine Story / einen Roman heran? Entwickelst du zunächst ein (ausführliches?) Exposé? Wenn ja: Was gehört für dich unbedingt da hinein?
FB: Am Anfang steht immer eine Idee, aus der sich alles Weitere ergibt. Sie reift im Hinterkopf heran, und irgendwann schreibe ich sie in Grundzügen auf. Nach und nach entwickelt sich alles Weitere: Personen, Orte, Handlung. Manchmal stimmt der fertige Roman mit der Grundidee weitgehend überein, aber meistens stelle ich verblüfft fest, dass nur noch entfernte Ähnlichkeiten bestehen. Und das ist gut so: Ein guter Roman muss wachsen.
Ein Exposé schreibe ich nur in sehr knappen Zügen. Irgendwann habe ich alle Handlungslinien zusammen, dann überlege ich, was in ihnen passieren soll und wie viele Kapitel ich dafür brauche. Im Outliner bekommt dann jedes Kapitel eine Nummer und eine Kurzbeschreibung (einen oder zwei Sätze). Auf diese Art und Weise bewahre ich den Überblick, und gleichzeitig bleibe ich flexibel. Ich kann jederzeit die Reihenfolge
durcheinander werfen, neue Kapitel hinzufügen oder überflüssig gewordene rausschmeißen.
GN: In deiner Trilogie "Alien Earth" überzeugen - neben allem anderen - auch die Charaktere, was in der Science-Fiction ja nicht immer der Fall ist. Wie hast du sie entwickelt? Es gibt für die Hauptcharaktere in den Büchern ja auch Quartettkarten, was ich für eine tolle Möglichkeit halte (s. "Schreib-Kick" in diesem Tempest), Charaktereigenschaften auf den Punkt zu bringen - nicht nur für die LeserInnen, sondern auch für den Autor, die Autorin selbst. War das Quartettspiel nur eine weitere Textform für die Einschübe in deinen Büchern, oder hast du es beim Schreiben selbst auch als Technik für die Charakterentwicklung
verwendet?
FB: Die Charaktere ergeben sich aus dem Szenario: Stell dir vor, wir haben das Jahr 2065, der Erde geht das Öl aus, der Wasserspiegel und die Temperaturen steigen unaufhörlich, und im Orbit (und dir im Nacken) hängt ein Raumschiff, das täglich wächst, unzerstörbar ist und
sich im Weiteren auf die Funkbotschaft "Fürchtet euch nicht!" beschränkt. Was würdest du tun? "Phase 1" greift in den drei Handlungsschienen drei mögliche Antworten auf: 1. Die Aliens sind Teufel / Invasoren / Feinde, wir müssen sie bekämpfen. 2. Die Aliens sind unsere Retter. Wir müssen Kontakt zu ihnen aufnehmen. 3. Was kümmern mich die Aliens? Die zahlen auch nicht meine Miete, oder?
Ein Grundprinzip ist die Erzählweise "von unten": Alle Charaktere sind gewöhnliche Menschen, die in einer ungewöhnlichen Zeit bestehen müssen. Sie haben Angst, sie hoffen und sie sind verwirrt, wenn nicht verstört. Sie verstehen nicht, was vor sich geht. Mit anderen Worten: Sie sind wie wir. Mir war das sehr wichtig. In der Science-Fiction ist ja die "Feldherrenperspektive" weit verbreitet. Die Charaktere stehen weit oben in der Hierarchie, haben den Überblick über die Lage und die Lage und sich selbst im Griff. Das funktioniert, weil der Leser es genießt, in diese Rolle zu schlüpfen. Mir ist das aber, ehrlich ge-
sagt, zu langweilig.
Beim Quartettspiel in "Phase 2" ist der Spieltrieb mit mir durchgegangen. Die Zwischenkapitel, so nenne ich die Einschübe, waren für mich eine der großen Überraschungen bei "Alien Earth". Begonnen habe ich sie eigentlich aus dem ganz banalen Grund, um Informationen über meine Zukunftswelt zu geben, ohne den Fließtext damit zu belasten. Das hat auch prima funktioniert, aber ziemlich schnell wurde mir klar, dass in
den Zwischenkapiteln noch viel mehr steckt: eine Spielwiese, in der alles möglich ist. Keine Idee, zeigte sich, war zu wild, um sie nicht einzubauen, kein Zynismus zu bitter, kein Humor zu schwarz. Und zum Teil haben die Zwischenkapitel ein Eigenleben entwickelt: Manche von ihnen verbinden sich zu neuen Geschichten, die sich über zwei oder sogar alle drei Bände erstrecken. Bei den Lesern kommen sie super an: Selbst Leute, die mit den Romanen nicht so viel anfangen können, finden die Zwischenkapitel einfach prima.
GN: Eigene Texte zu überarbeiten, das fällt vielen besonders schwer. Wie gehst du beim Überarbeiten vor? Hast du dafür einige Tipps für angehende AutorInnen?
FB: Ich finde das Überarbeiten eigentlich den einfacheren Teil. Die eigentliche Schwierigkeit ist das Schreiben. Ich gehe über alles mehrmals drüber. Anfangs am Bildschirm, später auf Papier. Ich lese dann erst in Handlungslinien, später in der Reihenfolge, wie sie im ferti-
gen Buch veröffentlicht werden. Tipp habe ich nur einen: Abstand. Wenn irgend möglich, sollte man seinen Text mal für einige Zeit (eine oder mehrere Wochen) beiseite legen und dann noch einmal drüber gehen. Das Ergebnis ist verblüffend!
GN: Hast du KritikerInnen, deren Meinung du vor einer Überarbeitung einholst? Wenn ja: Was schätzt du an KritikerInnen besonders, und was erwartest du von ihnen?
FB: Bevor Tim auf die Welt kam, hat Geli, meine Frau, alle meine Texte gelesen. Leider reicht in unserem Leben mit Kind die Zeit jetzt nicht mehr dazu. Geli ist eine aufgeweckte, hellwache Leserin - und interessiert sich eigentlich nicht für Science-Fiction. Das empfinde ich als Vorteil, denn ein Text sollte in sich selbst funktionieren und nicht nur, weil er einem bestimmten Genre zugeordnet ist. Für mich ist Gelis Feedback die erste Kontrollinstanz: Begeistert ein Text nicht, ist er durchgefallen. Dann kann Geli oft die Gründe nennen, oder ich komme nach einigem Nachfragen und Nachdenken selbst darauf.
Allerdings stelle ich fest, dass mein "innerer Kompass" im Lauf der Jahre immer zuverlässiger geworden ist. Meine eigenen Einschätzungen werden zunehmend treffgenauer. Mit anderen Worten: Ich merke es meistens, wenn ich Mist geschrieben habe.
GN: Du hast dich bei leserun.de mit kritischen LeserInnen von "Alien Earth" auseinandergesetzt. Wie war das?
FB: Eine schöne Erfahrung. Allerdings eine, die ich nicht so ausschöpfen konnte, wie ich es gewollt hätte. Will man langfristig als Autor arbeiten, muss man seine Kräfte einteilen. Immer nur Schreiben (oder andere Arbeiten am Schreibtisch) geht nicht. Man muss sehen, dass man noch lebt. Und zum Zeitpunkt der Leserunden war ich ziemlich über dem
Limit, was die Arbeit angeht.
GN: Hast du Erfahrungen mit Schreibworkshops oder -zirkeln? Welche?
FB: Klar habe ich die, wir haben uns ja vor zehn Jahren auf einer Schreibwerkstatt kennengelernt. :-) Allerdings ist es bei zwei oder drei Werkstätten geblieben. Die waren aber enorm wichtig für mich. Das hat später nachgelassen, und - siehe oben - die Einteilung der Kräfte bedeutet eben auch, ab und zu einen Strich zu ziehen und Dinge nicht zu tun.
GN: Was wünschst du dir von deinen LeserInnen?
FB: Natürlich Begeisterung! :-)
Im Ernst: Das Wichtigste beim Schreiben von Romanen ist die Unterhaltung. Ich will meine Leser mitreißen, begeistern. Alles Weitere ist optional. "Alien Earth" kann man auf viele Weisen lesen: als herkömmliches SF-Epos, als Gesellschaftskritik, als eine Erforschung der
menschlichen Seele, als Panorama einer gar nicht so unwahrscheinlichen Zukunft und vieles mehr. Welche Weise zum Zug kommt, bestimmt jeder Leser, jede Leserin für sich selbst.
GN: Hast du noch einen letzten Tipp für unsere LeserInnen?
FB: Ja: Quäle dich niemals durch ein Buch, das dir nichts sagt. Ich wundere mich immer wieder, wie viele Leute in meinem Freundes- und Bekanntenkreis sich durch Bücher quälen, die ihnen keinen Spaß machen. Ich finde, das ist Quatsch. Es gibt buchstäblich Millionen von Büchern, unter denen man auswählen kann. Wenn etwas für dich nicht funktioniert, dann leg es weg!
GN: Vielen Dank das Interview!

