Michael Marcus Thurner interviewt Andreas Eschbach:

16.05.2013 08:05

»Eine Art Rückkehr zu den Wurzeln« – Teil eins

Bekanntlich stammt der PERRY RHODAN-Band 2700, der den neuen Handlungszyklus eröffnet, von einem Gastautor: Andreas Eschbach verfasste »Der Techno-Mond«. Wie sich das Schreiben an seinem Roman gestaltete, das wollte sein Autorenkollege Michael Marcus Thurner von ihm wissen.

Wegen seiner Länge veröffentlichen wir das Interview in zwei Teilen. Heute kommt der erste, morgen dann der zweite Teil.


Michael Marcus Thurner: Andreas, du bist eine der Größen der deutschsprachigen Science Fiction oder, um den Rahmen etwas weiter zu spannen, der Phantastik. Du wirst aber auch sehr stark in der Mainstream-Literatur wahrgenommen. Schon aus Eigeninteresse frage ich: Wie schaffst du diesen Spagat bzw. ist er überhaupt einer? Oder, anders herum: Ist es heutzutage unvorteilhaft, sich als Autor des Phantastischen etikettieren zu lassen?

Andreas Eschbach: Wie man etikettiert wird, darauf hat man wenig Einfluss, insofern sind hier Empfehlungen müßig. Und letztendlich kann man sich auch nicht wirklich aussuchen, was man schreibt; die Themen und Geschichten kommen ja irgendwoher, und zum größten Teil ist man da eben durch seine eigene Lektüre geprägt. Bei mir waren das seit jeher die spannenden Unterhaltungsromane auf der einen und die SF-Romane auf der anderen Seite, und heute finden sich bei meinem eigenen Schreiben Elemente des einen im anderen, egal welcher Seite ich mich auch zuwende.
Insofern: Nein, von meiner Warte aus ist das kein Spagat, sondern eine Melange. Wobei ich zugebe, dass Buchhändler das vermutlich anders sehen.


Michael Marcus Thurner: Bestseller wie „Ausgebrannt“, „Ein König für Deutschland“ oder „Herr aller Dinge“, drei deiner letzten Romane, haben jeweils eine „Was-wäre-wenn“-Prämisse, die nicht unvorstellbar erscheint und sehr zeitnah angewendet wird. Da geht es um das Ende der Ölvorräte, um die Manipulation von Wahlcomputern und um Nano-Maschinchen, die sich selbst reproduzieren können. Bei PERRY RHODAN-Band 2700 wurdest du hingegen in ein Universum hineingestoßen, das weit voraus in der Zukunft liegt. War dieser Umstieg für dich ein Problem?

Andreas Eschbach:
Nein, ins PERRY RHODAN-Universum zu gehen ist für mich immer so eine Art Rückkehr zu den Wurzeln. Ich habe ja mit dem Schreiben angefangen, weil mich die PR-Serie so fasziniert hat; Perry Rhodan und seine Getreuen waren sozusagen die Begleiter meiner Jugendjahre: Das prägt.


Michael Marcus Thurner: Du kennst PERRY RHODAN seit deiner Jugend, es wurde auch mal ein Leserbrief von dir auf der Leser-Kontakt-Seite veröffentlicht. Bist du aktuell in der Handlung „drin“?

Andreas Eschbach: Ich verfolge die Handlung, aber die Zeit, alle Romane zu lesen, habe ich nicht mehr – irgendwie vergehen die Wochen heutzutage schneller als früher. Ich nehme mir von Zeit zu Zeit den aufgelaufenen Stapel vor, lese Hefte an, und wenn es mich fängt, auch durch. Wenn nicht, muss die Zusammenfassung am Schluss reichen. Wobei es gewissen Autoren besser als anderen gelingt, mich einzufangen, aber ich nenne jetzt mal keine Namen.


Michael Marcus Thurner: Was macht deiner Meinung nach den Erfolg der Serie aus?

Andreas Eschbach: Wenn ich das wüsste! Ich schätze, es hat etwas damit zu tun, dass sich irgendwie alle Heldensagen in der einen oder anderen Form darin wiederfinden – Perry Rhodan ist mal König Artus, inklusive Tafelrunde, versteht sich, mal Old Shatterhand, mal Siegfried … Vielleicht solltest du dazu mal aufgeschlossene Literaturwissenschaftler befragen! Deren Antworten würden mich auch interessieren.


Michael Marcus Thurner: PERRY RHODAN ist eine Erfolgsgeschichte, die nun schon über fünfzig Jahre anhält. Wir Autoren zeichnen ein Bild der Zukunft, das auch immer gegenwärtige gesellschaftspolitische Strömungen widerspiegelt. Wir greifen nun schon enorm weit in die Zukunft voraus, ins Jahr 1514 Neuer Galaktischer Zeitrechnung, das ist in etwa das Jahr 5100. Was meinst du: Könnte man denn in irgendeiner Form vorhersehen oder auch nur erahnen, wie das Leben in der Realwelt in über dreitausend Jahren wirklich sein wird?

Andreas Eschbach: Nein. Ich will jetzt nicht davon anfangen, dass das so wäre, als verlange man von einem Zeitgenossen Homers, die gegenwärtige griechische Finanzkrise vorherzusagen. Wenn wir ehrlich sind, hätten wir uns noch nicht mal vor dreißig Jahren die heutige Welt und wie wir leben vorstellen können. Insofern können wir nur eines mit Sicherheit sagen, nämlich dass es so, wie es in PERRY RHODAN geschildert ist, nicht kommen wird.
Was aber nichts macht, finde ich. Es ist nicht der Job der Science Fiction, die Zukunft vorherzusagen. Sie tut nur so. In Wirklichkeit kleidet sie die Gegenwart in das Gewand der Zukunft, und das ist, wenn man es genau bedenkt, auch viel interessanter.


Michael Marcus Thurner: Kommen wir zu PERRY RHODAN-Band 2700. Du bist der erste „Gastautor“, der einen Jubiläumsband geschrieben hat. Wim Vandemaan ist meines Wissens mit diesem Vorschlag an dich herangetreten. Hast du dich gewehrt, hattest du Bedenken? Es muss ja doch einigen Mut erfordern, einen zyklusbestimmenden Text zu verfassen.

Andreas Eschbach: Ich sehe den Mut hier eher bei den Expokraten und der Redaktion. Ich habe das Angebot als Vertrauensbeweis verstanden und bin allenfalls mit einer gewissen Ehrfurcht an die Sache herangegangen, aber ansonsten unbekümmert.


Michael Marcus Thurner: Eine Frage zur Arbeitsvorbereitung aufs Manuskript: Inwieweit hast du das vorgegebene Expo für deine Arbeit adaptiert, musstest du für dich selbst nochmals eine Handlungsleitlinie erstellen?

Andreas Eschbach: Grundsätzlich habe ich bei meinen Gastromanen immer versucht, das Exposé möglichst genau umzusetzen; das finde ich gerade das Reizvolle daran, dass ich mir nicht alles selber ausdenken muss. Allerdings bleiben auch dann immer noch genug Lücken, die man mit eigenen Einfällen stopfen muss.
Geändert habe ich beim Band 2700 die Reihenfolge der Ereignisse, die durchs Exposé vorgegeben waren. Die Episode in der Klinik war ursprünglich ganz für den Anfang geplant, was mir aus meiner Sicht auf die Geschichte dramaturgisch ungünstig erschien. Gut überlegt habe ich mir jeweils auch immer, aus welcher Perspektive eine Szene erzählt werden muss, um zu einem spannenden Erzählfluss zu kommen. Also, kurzum: Trotz eines sehr detaillierten Exposés war es alles andere als „einfach bloß runterschreiben“.


(Soweit für heute. Der zweite Teil des Interviews kommt dann morgen.)

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